Wenn wir Kinder haben, gehören große und kleine Emotionen zum Alltag und fordern uns oft heraus. Wie wir darauf reagieren, hängt meist davon ab, was wir selbst in unserer Kindheit erlebt und verinnerlicht haben. Oft reagieren wir dann automatisch und ohne groß nachzudenken. Diese Reaktionen sind häufig das Ergebnis von erlernten emotionalen Mustern, die oft sogar über Generationen hinweg weitergegeben wurden.
Und diese emotionalen Muster beeinflussen natürlich auch unser Verhalten als Eltern, z.B. wie wir mit Gefühlen umgehen - sowohl unseren eigenen als auch denen unserer Kinder.
Was sind emotionale Muster?
Emotionale Muster sind die immer gleichen Reaktionen, die wir auf bestimmte Situationen und Gefühle zeigen. Diese Muster entwickeln sich meist in unserer Kindheit und sind stark geprägt von den Erfahrungen, die wir gemacht haben, und davon, wie unsere wichtigsten Bezugspersonen mit ihren eigenen Gefühlen und unseren emotionalen Bedürfnissen umgegangen sind. Diese Muster beeinflussen, wie wir auf emotionale Herausforderungen reagieren.
Stell dir vor, deine Gefühle wurden in der Kindheit nicht ernst genommen oder nicht feinfühlig begleitet. Dann kann es heute schwierig sein, einen guten Umgang mit den Emotionen deiner eigenen Kinder zu finden, weil dir selbst der Zugang zu deinem inneren Erleben fehlt. Wenn du hingegen in der Kindheit Co-Regulation erlebt – also Unterstützung und Verständnis für deine Gefühle erfahren hast –, wird es dir leichter fallen, die großen Gefühle deiner Kinder zu begleiten. Du hast dann gelernt und verinnerlicht, wie man das macht.
Diese Muster entstehen also oft aus dem, was wir als Kinder gelernt haben. Und sie bleiben bestehen, bis wir uns bewusst mit ihnen auseinandersetzen und versuchen, sie zu verändern. Der erste Schritt ist daher, uns unserer Muster bewusst zu werden. Wenn wir verstehen, wie und warum wir auf bestimmte Weise reagieren, können wir unser Verhalten ändern und es mehr nach unseren eigenen Werten ausrichten.
Reflexionsfragen:
Welche Gefühle erlebst du oft in stressigen oder herausfordernden Situationen?
Wie reagierst du dann normalerweise ? Kannst du ein Muster erkennen?
Wie entstehen emotionale Muster?
Emotionale Muster entstehen durch wiederholte Erfahrungen, Beobachtungen und die Reaktionen unserer ersten Bezugspersonen – wie Eltern, Großeltern oder anderen wichtigen Menschen. Die Art und Weise, wie diese mit ihren eigenen Emotionen umgehen und auf unsere Gefühle reagieren, prägt stark, wie wir Emotionen wahrnehmen und ausdrücken lernen.
Kinder lernen, indem sie ständig ihre Umgebung und die Menschen darin beobachten und nachahmen. Sie sehen, wie wir auf verschiedene Situationen reagieren, und imitieren dieses Verhalten. Dadurch übernehmen sie häufig unsere eigenen emotionalen Muster.
Auch wie wir auf den Gefühlsausdruck unserer Kinder reagieren, beeinflusst die Bildung emotionaler Muster stark. Wenn es uns nicht gelingt, feinfühlig auf die Gefühle unserer Kinder zu reagieren, sondern sie – oftmals unbewusst – abtun, ablenken, ignorieren oder vielleicht sogar beschämen, lernen unsere Kinder, dass es nicht sicher ist, in unserer Gegenwart bestimmte Gefühle auszudrücken. Sie werden diese Gefühle verdrängen und unterdrücken.
Wenn wir es hingegen schaffen, unsere Kinder zu co-regulieren und ihnen in emotional schwierigen Momenten beizustehen und sie zu unterstützen, lernen sie, wie man mit Gefühlen umgeht. Durch diese gemeinsame emotionale Regulation kann unser Kind gesunde Muster entwickeln.
Was unsere Kinder wiederholt erleben und wenn wir immer wieder gleich auf ihre Gefühle reagieren, formen sich feste emotionale Muster. Unser Kind entwickelt dadurch bestimmte Glaubenssätze über sich selbst und seine Gefühle.
Reflexionsfragen:
Wie haben deine Eltern auf deine Gefühle reagiert? Wie auf Angst, auf Trauer, auf Wut, ...?
Gab es Gefühle, die du nicht ausdrücken durftest? Welche wurden hingegen gut begleitet?
Gibt es Muster, die du von deinen Eltern übernommen hast?
Wie beeinflussen emotionale Muster unser ElternSein?
Unsere eigenen emotionalen Muster beeinflussen, wie wir auf die Emotionen unserer Kinder reagieren. Wenn wir zum Beispiel gelernt haben, dass bestimmte Gefühle wie Wut oder Trauer nicht in Ordnung sind, neigen wir dazu, ähnlich auf die Emotionen unserer Kinder zu reagieren. Das kann dazu führen, dass Kinder ihre Gefühle unterdrücken, weil sie Angst haben, abgelehnt zu werden.
Diese Muster beeinflussen unser Elternsein auf verschiedene Weise:
- Automatische Reaktionen: Wir neigen dazu, automatisch auf bestimmte Situationen zu reagieren, basierend auf den emotionalen Mustern, die wir gelernt haben. Wir reagieren dann oft nicht als die Mutter oder der Vater, die oder der wir gerne sein möchten.
- Glaubenssätze: Unsere Muster prägen unsere Überzeugungen darüber, wie wir mit Gefühlen umgehen sollen. Wenn wir verinnerlicht haben, dass bestimmte Gefühle nicht erlaubt oder abgewertet werden, kann es uns schwerfallen, diesen Gefühlen sowohl bei uns selbst als auch bei unseren Kindern Raum zu geben.
- Bewältigungsstrategien: Die Art und Weise, wie wir mit herausfordernden Situationen umgehen, kann durch unsere emotionalen Muster beeinflusst sein. Wenn wir gelernt haben, dass Emotionen oft durch kleine Ablenkungen oder das Weitersprechen über andere Themen gemildert werden, könnte es uns schwerfallen, die emotionale Tiefe und das Verständnis zu zeigen, das unsere Kinder brauchen.
- Beziehungsdynamik: Unsere Reaktionen auf die Emotionen unserer Kinder formen die Beziehung zu ihnen. Wenn wir unbewusst bestimmte Muster aus unserer eigenen Kindheit wiederholen, können Kommunikationsprobleme oder Missverständnisse entstehen, ohne dass wir uns dessen bewusst sind.
- Emotionale Verfügbarkeit: Unsere Fähigkeit, emotional verfügbar und unterstützend zu sein, kann durch unsere eigenen Muster beeinflusst werden. Wenn wir in unserer Kindheit nicht feinfühlig durch unsere Emotionen begleitet wurden, kann es uns schwerfallen, wirklich präsent mit unseren Kindern zu sein, wenn sie ihre Gefühle ausdrücken. Eher werden wir uns überwältigt fühlen und den Drang haben, die Situation zu verlassen oder unser Kind möglichst schnell abzulenken.
Reflexionsfragen:
Welche Situationen im Alltag mit deinen Kindern bringen dich besonders oft aus der Ruhe?
Wie reagierst du typischerweise in diesen Momenten? Wirst du vielleicht laut, oder ziehst du dich zurück, wirst du besonders streng oder reagierst du auf eine andere Weise? Reagierst du immer auf die gleiche Art und Weise?
Bewusstsein hilft uns, unsere emotionalen Muster zu durchbrechen
Das Bewusstsein für unsere emotionalen Muster ist der Schlüssel zu ihrer Veränderung. Wenn wir diese automatischen Reaktionen erkennen, können wir bewusste Entscheidungen darüber treffen, wie wir damit umgehen wollen.
Als Eltern haben wir dann die Möglichkeit, uns zu fragen: Sind diese Muster hilfreich für unser Elternsein oder stehen sie uns im Weg? Entsprechen sie unseren Werten? Helfen sie uns, die Eltern zu sein, die wir wirklich sein möchten?
Es ist wichtig zu wissen, dass diese Muster oft über einen langen Zeitraum entstanden und tief verwurzelt sind. Deshalb ist Geduld in diesem Prozess sehr wichtig, ebenso wie Mitgefühl mit uns selbst, wenn wir doch immer wieder so reagieren, wie wir es eigentlich ja gar nicht mehr möchten.
Hier dürfen wir uns selbst erst einmal liebevoll zuwenden und uns neugierig beobachten, um unsere eigenen emotionalen Muster zu erkennen, zu verstehen und schlussendlich zu durchbrechen.
Reflexionsfragen:
Wenn du dir schon eines Musters bewusst geworden bist: Welchen ersten konkreten Schritt kannst du gehen um deine Handeln deinen Werten anzupassen?
Was brauchst du, um diesen ersten Schritt gehen zu können?
Abschließende Gedanken
Verstehen, warum wir manchmal so reagieren, wie wir es tun, ist so wichtig für uns als Eltern. Wenn wir erkennen, wie unsere eigenen Erfahrungen uns beeinflussen, können wir diese Muster durchbrechen und unseren Kindern Raum geben, in dem sie sich sicher fühlen können, ihre Gefühle vollständig auszudrücken.
Wenn wir beginnen, bewusst über unsere Beziehungen nachzudenken, und selbst einen guten Umgang mit unseren eigenen Emotionen erlernen, können wir alte ungesunde Muster überwinden und sie nicht unbewusst an unsere Kinder weitergeben. #cyclebreaker!
