Die 5 Grundgefühle: Ein Leitfaden für Eltern.

Als Eltern stehen wir täglich vor der Herausforderung, die vielfältigen Gefühle unserer Kinder zu verstehen und angemessen darauf zu reagieren.

Oft fühlen wir uns dabei überfordert, doch Wissen über die Grundgefühle kann uns dabei helfen, Klarheit und Gelassenheit in emotional anspruchsvollen Situationen zu bewahren.

In diesem Blogartikel erfährst du, welche 5 Grundgefühle es gibt und welche wichtige Funktion sie in unserem Leben erfüllen.


Die 5 Grundgefühle

Ich beziehe mich in diesem Artikel auf die Theorie der 5 Grundgefühle, die auch Leslie S. Greenberg in seiner Emotionsfokussierten Therapie (EFT) verwendet.

In Greenbergs Perspektive dienen Emotionen dazu, wichtige Informationen über unsere Bedürfnisse und Erfahrungen zu vermitteln. Jede der grundlegenden Emotionen erfüllt eine bestimmte Funktion in Bezug auf die Anpassung und Bewältigung von Herausforderungen im Leben. Zum Beispiel kann Angst darauf hinweisen, dass eine Bedrohung besteht, Wut kann auf eine Verletzung von Grenzen hinweisen, Trauer kann auf Verluste reagieren, Scham kann auf soziale Normen und Werte hinweisen, während Freude positive Erfahrungen verstärkt.

Leslie S. Greenberg bezieht sich in der Emotionsfokussierten Therapie (EFT) auf fünf grundlegende Emotionen, die als "Primäre Emotionen" betrachtet werden. Diese Emotionen sind:

  • Angst: Die emotionale Reaktion auf eine wahrgenommene Bedrohung oder Unsicherheit. Angst veranlasst uns zu fliehen oder vor einer Gefahr Schutz zu suchen.
  • Trauer: Die emotionale Reaktion auf Verlust oder Trennung. Traurigkeit hilft, einen Verlust zu verarbeiten
  • Wut: Die emotionale Reaktion auf das Gefühl von Unfairness oder das Verletzen von persönlichen Grenzen. Wut verhilft uns zu Selbstermächtigung
  • Scham: Die emotionale Reaktion auf das Gefühl von Minderwertigkeit oder die Furcht vor Ablehnung durch andere.
  • Freude: Die emotionale Reaktion auf positive Erlebnisse und Erfahrungen.


Warum Emotionen an sich weder negativ noch positiv sind

Oftmals wird in Bezug auf Emotionen von negativen und positiven Gefühlen gesprochen. Ich verwende diese Wörter bewusst nicht im Zusammenhang mit Emotionen. Das Erleben einer Emotion kann in unserem Körper zwar von angenehm bis schmerzhaft empfunden werden, die Emotion an sich mit ihrem Potential für uns ist jedoch weder negativ noch positiv. Sie ist absolut sinnhaft. Wenn beispielsweise das Erleben von Trauer als äußerst schmerzhaft empfunden wird und wir deshalb dazu neigen, die Trauer zu verdrängen und nicht zuzulassen, geht das Potenzial der Trauer als heilsame Reaktion auf den Verlust verloren.

Um uns also allen Emotionen bewusst zuwenden zu können, ist es wichtig, ihre Funktion und damit ihr Potenzial zu verstehen.

Warum ist es wichtig, die Gefühle von Trauer, Ärger, Wut usw. in uns und auch bei unseren Kindern zu akzeptieren und zuzulassen? Was birgt das Potenzial jeder einzelnen Emotion?


Die 5 Grundgefühle: unsere Aufgabe als Eltern

Jeder Tag ist ein Prozess fortlaufender Gefühle. Daher ist es so unglaublich wichtig für uns zu verstehen, was unsere Emotionen uns sagen wollen.

Denn wenn wir als unangenehm empfundene Emotionen verspüren, bedeutet das, dass ein Bedürfnis nicht erfüllt ist. Es ist daher wichtig, die Botschaft der gefühlten Emotion zu verstehen um im Sinne unserer Bedürfnisse handeln zu können.

Unsere Aufgabe als Eltern ist es, unseren Kindern dabei zu helfen, ihren Gefühlen einen Sinn zu geben. Dafür ist es wichtig, dass wir der Emotion die jeweilige Funktion zuordnen können.


Emotionen sind das Sprachrohr unserer innersten Wünsche und Bedürfnisse.

Marshall B. Rosenberg

Grundgefühl Angst

Es ist wichtig, Ängste und Befürchtungen von Kindern ernst zu nehmen. Oft tendieren wir dazu, unsere Kinder zu beschwichtigen oder wir versuchen, ihre Angst zu vermindern, indem wir z.B. sagen:  "Du brauchst keine Angst zu haben." "Es gibt doch keine Monster...".

Schauen wir uns doch noch einmal an, welche Funktion Angst hat: Als emotionale Reaktion auf eine wahrgenommene Bedrohung oder Unsicherheit veranlasst sie uns zu fliehen oder vor einer Gefahr Schutz zu suchen. Unser Kind fühlt sich also unsicher, weil es in der Dunkelheit vielleicht die Schatten und Geräusche nicht einordnen kann. Wo sucht es also nach Schutz? Bei uns als Eltern, denn wir sind sein Ort der Sicherheit. 

Wenn wir seine Angst an dieser Stelle ernst nehmen und bestätigen und als Bedürfnis nach mehr Sicherheit verstehen, können wir dieses Bedürfnis nach Sicherheit unterstützen, indem wir für es da sind. Und unser Kind fühlt: ich bin mit meiner Angst nicht alleine. Mama und Papa verstehen mich. Ich fühle mich sicher.


Wie gehe ich mit meiner eigenen Angst um? Welche Glaubenssätze in Bezug auf Angst habe ich? Wie gehe ich mit der Angst meines Kindes um?


Grundgefühl Trauer 

Trauer ist das Gefühl des Loslassens. Und Kinder haben viele Anlässe bei denen sie loslassen müssen. Das kann ein großer Schmerz sei, wenn die geliebte Oma stirbt. Das kann aber auch ein Schmerz darüber sein, dass der beste Freund weggezogen ist, dass ein Ereignis, auf das wir uns gefreut haben, nicht stattfindet... Trauer ist das Gefühl, das diesen Prozess des Loslassens begleitet. Sie hilft dabei, einen Verlust zu verarbeiten.

Oft fällt es Eltern schwer, den Schmerz und die Trauer auszuhalten und neigen dazu, abzulenken und zu beschwichtigen. Die Traurigkeit bleibt dann jedoch weiterhin bestehen, und die Kinder ziehen sich in sich selbst zurück und versuchen, ihre Trauer alleine zu bewältigen. Was Kinder aber brauchen ist Trost und jemanden an ihrer Seite mit dem sie ihre Trauer und ihren Schmerz teilen und darüber sprechen können.


Wie gehe ich mit meiner eigenen Trauer um? Welche Glaubenssätze in Bezug auf Trauer habe ich? Wie gehe ich mit der Trauer meines Kindes um?


Grundgefühl Wut 

Wut ist ein kraftvolles und deutliches Signal dafür, dass unsere persönliche Grenze verletzt wurde, dass wir uns hilflos und ohnmächtig fühlen. Wenn wir also schaffen, die Wut unseres Kindes richtig zu deuten (und auch unsere eigene!!), dann kann unsere Wut uns wunderbar selbstempowern. Denn sie verleiht uns die Kraft, uns für uns selber einzusetzen, für unsere Bedürfnisse einzustehen und uns selbstbewusst im Leben zu behaupten. Die Fähigkeit "Nein" zu sagen beginnt mit einem aggressiven Gefühl.

Es ist daher wichtig, dass wir die Wut unseres Kindes nicht unterdrücken, auch wenn es für uns sehr anstrengend sein kann, die Wut unseres Kindes, vor allem wenn sie gegen uns gerichtet ist, auszuhalten. 

Viele Eltern gehen mit der Wut ihres Kindes so um, dass sie in erster Linie auf der Verhaltensebene des Kindes interagieren und das wütende Verhalten unterbinden. Das ist auch ok so, wichtig ist aber, dass den Kindern gleichzeitig vermittelt wird: deine Wut ist berechtigt, sie darf sein, es ist wichtig sie zu spüren. Aber gleichzeitig ist nicht jedes Verhalten ok. 

Vielleicht hilft es dir, wenn du den Wutanfall deines Kindes als eine Gelegenheit betrachtest, bei der dein Kind etwas lernen kann, und nicht als Feuer, welches direkt gelöscht weren muss. Versuche herauszufinden, warum dein Kind so wütend ist und helfe ihm dabei, Wege zu finden diese Wut auszudrücken und die Kraft dieser Emotion dafür zu verwenden, selbstbewusst eigene Entscheidungen zu treffen.


Wie gehe ich mit meiner eigenen Wut um? Welche Glaubenssätze in Bezug auf Wut habe ich? Wie gehe ich mit der Wut meines Kindes um?


Grundgefühl Scham

Scham macht uns darauf aufmerksam, dass jemand in unseren intimen Raum eindringt. Scham ist also die Wächterin der Grenze unseres intimen Raumes. Sie schützt unseren intimen Raum. Und das ist je nach Alter und von Kind zu Kind unterschiedlich. Die natürliche Scham ist eine normale und wie alle Gefühle sinnvolle Emotion, Beschämung (siehe weiter unten...) aber nicht.

Eine andere Funktion von Scham in ihrer ursprünglichen Form ist, dass sie dafür sorgt, dass wir bemerken, wenn wir uns den Werten, Regeln und Normen der Gesellschaft in der wir uns bewegen, entgegengestzt verhalten haben. Scham sorgt dafür, dass wir versuchen, unser Fehlverhalten zu korrigieren, sodass wir Teil der Gemeinschaft bleiben können. 

Scham ist jedoch auch oft verstrickt und wird in der Erziehung missbraucht (in Form von Beschämung). Scham entsteht zum Beispiel, indem wir die Gefühle unserer Kinder invalidieren. Scham wurde aber auch in den vergangenen Generationen dazu genutzt, Kinder zu einem bestimmten gewünschten erwartetene Verhalten zu "zwingen", durch Abwertung etc. des nicht gewünschten Verhaltens.

Wie können Eltern jetzt am Besten mit der Scham ihres Kindes umgehen? Wir können sensibel mit dem intimen Raum unserer Kinder umgehen und diesen unbedingt respektieren und auch vor anderen schützen, wenn unser Kind dies noch nicht alleine schafft. Wir dürfen ebenfalls sensibel sein und unser eigenes Verhalten hinterfragen, z.B. ob es Emotionen gibt, die wir invalidieren - was zu Scham führen kann oder auch wie wir auf vermeintliche "Fehler" unseres Kindes reagieren. Beschämen wir es, wenn es sein Glas Wasser umstößt? Oder helfen wir ihm dabei, das Wasser wieder aufzuwischen?


Wie gehe ich mit meiner eigenen Scham um? Welche Glaubenssätze in Bezug auf Scham habe ich? Wie gehe ich mit der Scham meines Kindes um?


Grundgefühl Freude

Freude wird durchweg als positives Gefühl bezeichnet. Es fühlt sich gut für uns an, wenn wir in unserer Freude sind. Die Freude zeigt uns, dass unsere Bedürfnisse erfüllt sind.

Und dennoch erleben Kinder es immer wieder, wie der Ausdruck ihrer überschäumenden Freude unterdrückt wird. Wie ihre Ausgelassenheit nicht gewollt wird. Zu viel ist. Zu laut. Auch Genießen und Wohlfühlen wird nicht immer akzeptiert. Jetzt "müssen" wir erst mal dies oder das tun, bevor wir dann entspannen und genießen, uns einfach am Leben freuen dürfen. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.

Wie begleiten wir also am besten die Freude unserer Kinder? Hier ist es wie bei allen anderen Emotionen auch unabdingbar, unseren eigenen Umgang mit dieser Emotion zu hinterfragen. Wie leben wir unsere Freude? Unterdrücken oder verschieben wir sie immer wieder? Wie sehr können wir das Leben genießen, im Moment sein? Uns gemeinsam mit unseren Kindern freuen? Wie sehr findet Freude ihren Platz in unserem Alltag?

Freude birgt das große Potential, uns selber besser kennenzulernen, indem wir darauf achten, was uns Freude bereitet und welches die für uns wichtigen dahinterstehenden Bedürfnisse sind. Denn wenn wir Freude fühlen sind wichtige Bedürfnisse von uns erfüllt. 

Die Frage, die wir uns also immer wieder stellen dürfen lautet: Wie können wir mehr Freude in unser Leben und das Leben unserer Kinder einladen?



Wie gehe ich mit meiner eigenen Freude um? Welche Glaubenssätze in Bezug auf Freude habe ich? Wie gehe ich mit der Freude meines Kindes um?


Der 5 Grundgefühle - Leitfaden

Wenn dein Kind eine Emotion verspürt, versuche, sie einem der 5 Grundgefühle zuzuordnen. Du weißt jetzt, welche Funktion dieses Gefühl hat und kannst besser ein Bedürfnis deines Kindes der Emotion zuordnen. 

  • Dein Kind hat Angst? Wo fühlt es sich nicht sicher und was braucht es, damit es sich wieder sicher fühlen kann?
  • Dein Kind ist traurig? Es muss sich von etwas verabschieden (das kann auch eine Vorstellung sein) die für es wichtig war. Es braucht die Trauer, um loslassen zu können und den Verlust zu verarbeiten.
  • Dein Kind ist wütend? Wo wurde seine persönliche Grenze übergangen? Was braucht es, damit es sein Bedürfnis nach Autonomie und Selbstbestimmung erfüllen kann (das kann durchaus in einer anderen Situation sein!)
  • Dein Kind schämt sich? Hilf ihm, seinen intimen Raum zu schützen. Nimm eine fehlerfreundliche Haltung ein. Dein Kind lernt noch und darf Fehler machen. Hilf ihm gegebenenfalls, zu reparieren und sich zu entschuldigen.
  • Dein Kind ist fröhlich? Freue dich mit ihm. Jetzt weißt du, wo es leuchtet und was es braucht, um fröhlich zu sein.

Beginne bei dir selbst 

Es beginnt immer bei uns als Eltern. Wir dürfen uns fragen: Wie gehe ich mit meiner Wut um, mit meiner Angst, meiner Trauer? Erlaube ich mir, sie zu fühlen? Oder verdränge ich sie? Nur die Emotionen, die wir bei uns selber bewusst wahrnehmen und zulassen, können wir bei unserem Kind gut begleiten. 

Wenn du dir dabei professionelle Begleitung wünschst, dann schaue dir gerne meine Angebote an. Oder buche ein kostenfreies Erstgespräch, um gemeinsam zu schauen, wie ich dich bestmöglich unterstützen kann.

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