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Eltern-Wut und die Gefühle dahinter

Auch wenn wir unsere Kinder mehr lieben als alles andere, lösen sie in uns WUT aus. Immer wieder. Und das ist ganz normal.

Um einen guten Umgang mit unserer Eltern-Wut finden zu können, ist es wichtig zu verstehen, dass unter der Wut oftmals ganz andere Gefühle liegen können – verletzliche Gefühle. Gefühle, die wir selten bewusst wahrnehmen, da die Wut sich so schnell bemerkbar macht.

In diesem Artikel möchte ich dir aufzeigen, dass Wut nicht gleich Wut ist. Dafür werden wir uns der Eltern-Wut mit dem Wissen der Emotionsfokussierten Therapie annähern.

Wut aus der Perspektive der Emotionsfokussierten Therapie

Die Emotionsfokussierte Therapie (EFT) nach Leslie S. Greenberg teilt Emotionen in verschiedene Kategorien ein. Dieses Wissen ist extrem hilfreich und ich werde versuchen, es dir hier verständlich zu erklären, denn gerade auch als Eltern können wir sehr von diesem Wissen profitieren.

1. Primäre Emotionen: Die erste, unmittelbare Reaktion

Primäre Emotionen sind unsere ersten, unmittelbaren Reaktionen auf eine Situation. Sie entstehen spontan und spiegeln wider, was wir in dem Moment fühlen und wie wir ihn erleben.

Bei primären Emotionen wird wiederum unterschieden in:

Primär adaptive Emotionen: Diese dienen unseren Bedürfnissen. Sie unterstützen uns dabei, auf angemessene Weise zu handeln und helfen uns, unser Selbst zu stärken. Das kann z. B. Wut sein als Reaktion auf eine Grenzverletzung, die uns dabei hilft, uns selbst zu behaupten und für unsere Bedürfnisse einzustehen. Oder Traurigkeit über einen Verlust, die uns hilft, loszulassen und uns neu zu orientieren.

Primär maladaptive Emotionen: Diese sind ebenfalls erste, unmittelbare Reaktionen, stammen jedoch oft aus alten, ungelösten Erfahrungen oder Traumata. Sie spiegeln nicht die Gegenwart wider, sondern alte Verletzungen und Glaubenssätze. Das bedeutet, dass wir manchmal in einer – von außen betrachtet – harmlosen Situation unverhältnismäßig wütend reagieren, weil diese Wut tief in unserer Vergangenheit verankert ist.

2. Sekundäre Emotionen: Wenn die Wut andere Gefühle verdeckt

Sekundäre Emotionen sind Reaktionen auf unsere primären Emotionen und unterbrechen oder verdecken diese.

Oft treten sie auf, wenn wir versuchen, die primären Emotion zu unterdrücken oder zu vermeiden, weil sie zu schmerzhaft für uns ist.

Unter unserer Wut können daher verletzlichere Gefühle liegen, wie Traurigkeit, Hilflosigkeit oder Angst. Anstatt diese verletzlichen Gefühle zuzulassen, ersetzen wir diese daher unbewusst mit dem Gefühl der Wut, weil Wut uns stärker fühlen lässt und wir so in diesen Momenten das Gefühl bekommen, die Kontrolle nicht zu verlieren.

Sekundäre Emotionen verhindern jedoch, dass wir uns unserer wahren Bedürfnisse bewusst werden können. Denn diese sind mit den primären Emotionen verknüpft.

Dass hier unter der Wut noch ein anderes, verletzlicheres Gefühl liegt, ist uns selten bewusst, denn die Wutreaktion erfolgt automatisch und innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde.

Eltern-Wut in den verschiedenen Kategorien

Eltern-Wut kann in allen drei Kategorien auftauchen. Je nachdem, in welche Kategorie sie einzuordnen ist, braucht es einen anderen Umgang damit. 

Eltern-Wut als primäre adaptive Emotion:

Hier ist Wut eine gesunde Reaktion, die uns hilft, klare Grenzen zu setzen. Zum Beispiel, wenn dein Kind deine Grenzen überschreitet oder entgegen deiner Bedürfnisse und Werte handelt. Diese Wut signalisiert dir, dass du eine Grenze setzen darfst, um für dich einzustehen und deine Bedürfnisse und Werte klar zu kommunizieren.

Beispiel:

Nach einem langen Tag mit Erwerbs- und Carearbeit möchtest du einen Moment für dich haben, um dich zu erholen. Dein Kind kommt jedoch wiederholt zu dir und möchte weiterhin mit dir spielen. Du merkst, wie ein Gefühl von Frustration in dir aufsteigt – ein Zeichen dafür, dass du dich überfordert fühlst und deine eigenen Bedürfnisse gerade nicht beachtet werden. Diese Frustration signalisiert dir, dass es wichtig ist, achtsam eine Grenze zu setzen, um für dich selbst zu sorgen.

Wie du reagieren kannst:

Du gehst in Verbindung mit deiner Wut, atmest tief durch und sagst ruhig: „Ich weiß, dass du gerne mit mir spielen möchtest, und das machen wir auch gleich. Ich brauche nur ein paar Minuten für mich, damit ich dann wieder ganz bei dir sein kann. Danach freue ich mich darauf, Zeit mit dir zu verbringen.“

Eltern-Wut als primär maladaptive Emotion:

Manchmal reagierst du mit Wut, obwohl die Situation das eigentlich nicht rechtfertigt. Diese Wut kommt nicht aus der aktuellen Situation, sondern aus alten Mustern – vielleicht weil du selbst als Kind oft ungerecht behandelt wurdest. Deine Wut ist hier also eine Überreaktion, die mehr mit deiner Vergangenheit als mit der Gegenwart zu tun hat.

Beispiel:

Du sitzt mit deinem Kind am Tisch und ihr esst zusammen. Dein Kind stößt versehentlich sein Glas um, und das Getränk verteilt sich über den ganzen Tisch. Plötzlich merkst du, wie Wut in dir aufsteigt, und deine erste Reaktion ist, verärgert zu schimpfen. Doch dann bemerkst du, dass diese Wut intensiver ist, als die Situation erfordert. Es war ein einfaches Missgeschick – etwas, das jedem passieren kann. Aber in dir kommen Gefühle hoch, die eher mit deiner Vergangenheit zu tun haben. Vielleicht wurdest du selbst als Kind oft für solche kleinen Fehler kritisiert oder hast dich oft schuldig gefühlt, wenn du etwas „falsch“ gemacht hast.

Wie du reagieren kannst:

Anstatt deiner Wut nachzugeben, atmest du tief durch und hältst inne. Du erkennst, dass diese starke emotionale Reaktion nicht nur aus der aktuellen Situation kommt, sondern alte, ungelöste Gefühle anspricht. Du sagst dir innerlich: „Das ist nicht wirklich über das verschüttete Glas – das sind alte Emotionen, die jetzt hochkommen.“

Dann sprichst du ruhig zu deinem Kind: „Es ist okay, dass das Glas umgefallen ist. Wir wischen das gemeinsam auf.“ Du nimmst die Wut an, ohne sie auszuleben, und hilfst deinem Kind, das Missgeschick ohne Scham oder Schuldgefühle zu erleben. Gleichzeitig erkennst du, dass deine Reaktion aus alten Mustern stammt, die in der Gegenwart nicht mehr dienlich sind. So kannst du mit der Situation gelassener umgehen und gleichzeitig reflektieren, woher deine Emotionen wirklich kommen.

Eltern-Wut als sekundäre Emotion:

In diesem Fall verdeckt die Wut andere, tiefere Gefühle. Vielleicht bist du erschöpft, überfordert oder traurig, aber statt diese Gefühle zuzulassen, reagierst du mit Wut. Hier darfst du dich fragen: „Was fühle ich eigentlich wirklich unter der Wut?“

Beispiel:

Du hattest einen langen, anstrengenden Tag, und am Abend bist du erschöpft. Es ist Zeit, dass dein Kind die Zähne putzt, doch es weigert sich, mit dir ins Badezimmer zu gehen. Nach mehreren Versuchen, es dazu zu bewegen, merkst du, wie deine Wut aufsteigt, und du bist kurz davor, laut zu werden. In diesem Moment hältst du inne und fragst dich: „Was fühle ich eigentlich wirklich unter dieser Wut?“

Wie du reagieren kannst:

Du erkennst, dass die Wut in Wahrheit deine Erschöpfung und Überforderung verdeckt. Du bist nicht wirklich wütend auf dein Kind, sondern fühlst dich ausgebrannt und hast das Bedürfnis nach einer Pause. Statt die Wut an deinem Kind auszulassen, atmest du tief durch und sagst ruhig: „Ich merke, dass ich gerade sehr müde und erschöpft bin. Mir fällt es schwer, geduldig zu bleiben. Lass uns kurz durchatmen, damit wir dann zusammen Zähne putzen können.“

Die Gefühle hinter der Eltern-Wut

Die Wut, die wir als Eltern oft fühlen, kann als sekundäre Emotion eine Art Schutzschild sein. Dahinter verstecken sich meist verletzlichere Gefühle, die wir nicht so leicht zulassen können. Dazu gehören:

  • Hilflosigkeit: Du weißt nicht, wie du die Situation lösen sollst, und fühlst dich überfordert.
  • Ohnmacht: Du hast das Gefühl, keine Kontrolle über die Situation zu haben, was ein tiefes Gefühl der Machtlosigkeit auslöst.
  • Schuldgefühle: Du fühlst dich schuldig, weil du das Gefühl hast, als Mutter oder Vater versagt zu haben, wenn die Dinge nicht so laufen, wie du es dir vorstellst.
  • Angst: Du hast Sorge, die Kontrolle über die Situation zu verlieren oder dass dein Kind durch dein Handeln Schaden nehmen könnte.
  • Traurigkeit: Du bist traurig, weil du dich abgelehnt, missverstanden oder emotional entfernt fühlst.
  • Erschöpfung: Du fühlst dich körperlich und emotional ausgelaugt, was deine Fähigkeit verringert, ruhig zu bleiben und klar zu denken. Die ständige Anstrengung lässt dich schneller auf äußere Reize, wie das Verhalten deines Kindes, mit Wut reagieren.

Hier darfst du dir selbst liebevoll und mit einer neugierigen Haltung begegnen, um diese verletzlichen Gefühle zu erkennen und ihnen Raum zu geben, anstatt sie sofort mit Wut zu überdecken. Das ist besonders wichtig, denn nur wenn du dir dieser verletzlichen Gefühle hinter deiner Wut bewusst wirst, kannst du im Sinne deiner wahren Bedürfnisse handeln.

Schritte, um die Eltern-Wut besser zu verstehen

  1. Achtsamkeit üben: Wenn du das nächste Mal Wut spürst, halte kurz inne und frage dich: „Was fühle ich gerade wirklich? Was steckt hinter meiner Wut?“
  2. Emotionen einordnen: Ordne die Wut, die du erlebt hast, einer der Kategorien zu. Versuche eventuell, die Gefühle zu benennen, die du unter der Wut wahrnimmst. Ist es vielleicht Traurigkeit, Erschöpfung oder Hilflosigkeit?
  3. Mitfühlend mit dir selbst sein: Akzeptiere Wut als ein normales Gefühl, welches alle Eltern erfahren. Sie macht dich nicht zu einem schlechten Elternteil, sondern zeigt, dass du menschlich bist und spiegelt dir oftmals deine eigenen Kindheitsverletzungen wider oder macht dich auf deine Bedürfnisse aufmerksam.
  4. Alte Muster erkennen: Frage dich, ob deine Wut wirklich zur aktuellen Situation gehört oder ob sie aus alten Erfahrungen stammt.
  5. Bewusst Grenzen setzen: Wenn deine Wut eine primär adaptive Emotion ist, setze klare Grenzen und stehe für dich ein. Hier darfst du üben, deine Bedürfnisse und Grenzen klar und achtsam zu kommunizieren ohne dabei destruktiv oder verletzend zu sein.

Möchtest du deine Wut besser verstehen, um einen guten Umgang damit zu finden?

Ich arbeite mit Eltern u.a. im Rahmen der Emotionsfokussierten Therapie (EFT) und der Acceptance and Commitment Therapy (ACT). 

Gemeinsam schauen wir auf die Gefühle hinter deiner Wut und finden neue, heilsamere Wege im Umgang mit dir selbst und deinem Kind. 

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