Welche Farbe hat meine Wut?.

Wir sind Gefühlswesen. Tagtäglich erleben wir die ganze Bandbreite von lebendiger Freude bis hin zu intensiver Wut. Doch ist es oft gar nicht so einfach, einen heilsamen Zugang zu unseren Gefühlen zu finden. Wirklich mit ihnen in Kontakt zu gehen. Uns nicht von ihnen überrollen zu lassen aber uns auch nicht von ihnen abzuspalten. Damit uns das gelingen kann, ist es wichtig, Worte zu finden, die unser inneres Erleben exakt beschreiben.

Ich lade dich ein, mit deinen Gefühlen in Kontakt zu treten, sie wirklich voll und ganz wahrzunehmen. Allerdings aus einer geschützten Beobachterposition heraus, die dir erlaubt, bewusst in dich hineinzuspüren ohne überwältigt zu werden.


Eine Anleitung:

1. Werde still und begrüße, was sich zeigt: 

Nimm dir einen Moment bewusst für dich Zeit, schließe die Augen und nimm wahr, was in dir lebendig ist.

Versuche, nichts von dem, was du spürst zu bewerten oder zu verändern. Alles darf da sein. Auch wenn es unangenehm ist. Auch wenn der erste Impuls ist, es wegschieben zu wollen. Vielleicht möchtest du es auch aus einem sicheren Abstand heraus betrachten. Und dann begrüße es. Finde die Worte, die dir passend erscheinen. Das kann z.B. ein "Ich begrüße dich." sein oder einfach ein "Hallo."


2. Erspüre die Farbe, Form und Qualität:

Versuche nun, dein Gefühl genauer zu erspüren. Welche Farbe kannst du wahrnehmen? Hat es eine bestimmte Form, eine spezifische Qualität? Wie fühlt es sich an? Finde so exakte Worte wie möglich, um das, was du wahrnimmst zu beschreiben. Und hier geht es nicht darum, das Gefühl auf der Verstandesebene einer Kategorie wie Wut, Trauer etc.  zuzuordnen, sondern es geht darum möglichst exakt das Erleben im Körper zu beschreiben, also wo du es in deinem Körper wahrnehmen kannst und wie genau es sich dort in deinem Körper anfühlt. Stagniert es oder bewegt es sich? Ist es rund oder eckig? Ist es lila oder schwarz oder gelblich? Gibt es vielleicht eine Metapher, ein inneres Bild, mit dem du das Gefühl beschreiben kannst? Z.B. es fühlt sich an "wie ein schwerer, rissiger Stein", oder "wie eine leichte Feder die hin und herschwingt"...


3. Erlebe die Entspannung durch präzise Worte:

Das Finden der passenden Worte ist ein wichtiger Prozess und du darfst ihm gerne Raum und Zeit geben. Spüre immer wieder nach, ob sich das Wort oder die Worte passend anfühle und wenn nicht, justiere noch einmal nach und spüre wieder in dich hinein. Wenn du die passenden Worte gefunden hast, wirst du vermutlich eine sofortige Entspannung bemerken. Und vielleicht nimmst du auch wahr, wie sich das Gefühl anfängt zu wandeln. Bleibe auch hier gerne weiter dabei und spüre achtsam in dich hinein, mit der Neugierde darauf, was sich als nächstes zeigen möchte.


4. Bleibe bei dem, was du wahrnimmst und beobachte, ob sich das Gefühl verändert:

Nachdem du passende Worte für dein Gefühl gefunden hast, darfst du noch ein bisschen im Kontakt bleiben, sofern es sich für dich stimmig anfühlt. Auch hier gilt: es geht um das Beobachten und Annehmen dessen, was sich in dem jeweiligen Moment zeigen möchte. Du bist präsent in der Rolle des Beobachters und alles darf sein. Du brauchst nichts aktiv zu verändern. Lass es einfach da sein und erlaube ihm, sich zu entfalten oder auch erst einmal unverändert zu bleiben. Bleibe solange dabei, wie es sich für dich stimmig anfühlt.


5. Abschied und Dank:

Wenn du möchtest verabschiede dich nun. Vielleicht möchtest du dich noch für den Kontakt bedanken? Nimm dir noch einen Moment bewusst Zeit um wieder zurückzukommen. Öffne die Augen und nimm die Umgebung um dich herum wahr. Erinnere dich daran, dass du jederzeit wieder in Kontakt gehen kannst mit deinem inneren Erleben.

Die Worte, die wir verwenden, um unsere Gefühle zu beschreiben, beeinflussen, wie wir sie erleben und ausdrücken. Präzise Worte schaffen Klarheit und Verbindung zu unseren inneren Zuständen.

Marshall B. Rosenberg


Warum ist es wichtig, sich auf die Details dessen, was wir fühlen, zu konzentrieren?

Wenn wir uns auf die Details dessen konzentrieren, was wir fühlen, wie z.B. Farbe, Form und Qualität der Emotion, vertiefen wir unsere Wahrnehmung und kommen in einen bewussteren und tieferen Kontakt mit uns selbst, mit unserem inneren Erleben und unserem Körperbewusstsein. Wir können so immer mehr die Feinheiten unserer Gefühlswelt wahrnehmen und erforschen.

Mit der Zeit werden wir immer feinere Nuancen bemerken und feststellen: Heute ist meine Wut Lila-schwarz. Wohingegen sie beim letzten Mal eher Dunkelrot war. Jedesmal haben unsere Gefühle also eine andere Qualität und Wut ist nicht immer gleich Wut. Vielleicht entdeckst du mit der Zeit auch Muster und stellst fest: Jetzt war meine Wut schon wieder lila- schwarz... Das kenne ich schon und jetzt weiß ich, was ich brauche und wie ich mit dieser Art von Wut auf eine heilsame Art und Weise umgehen kann.

Warum führt das Finden präziser Worte zu Entspannung?

Das Finden präziser Worte führt zu Entspannung, weil es einen Raum der Klarheit und Verständnis schafft. Wenn wir unsere Emotionen genau benennen können, bedeutet dies, dass wir uns ihnen bewusst zugewandt haben. Diese bewusste Auseinandersetzung schafft eine Art inneren Frieden, da wir die Emotion nicht mehr als unbewusstes oder überwältigendes Element empfinden. Die Entspannung entsteht aus dem Gefühl, dass wir unsere Gefühle anerkennen und in einer Weise verstehen, die für uns greifbar ist.

Warum ist es bedeutend, das Gefühl ohne Urteil zu beobachten und welche Veränderungen könnten sich möglicherweise in diesem achtsamen Beobachtungsprozess entfalten?

Wenn du deinem Gefühl erlaubst da zu sein genauso wie es ist, ohne zu versuchen es zu verändern, dann erst bekommt es die Chance sich aus sich heraus zu verändern. Aus einem natürlichen Prozess heraus: Wir dürfen als Beobachter dabei sein und unsere Aufgabe ist es hier präsent zu sein mit dem, was sich zeigen möchte. Denn wenn das Gefühl da sein darf, dann kann es sich entwickeln und die Form annehmen die es braucht.


Wie alles, was wir neu erlernen oder neu praktizieren ist es hilfreich, in Momenten zu beginnen, in denen deine Emotionen nicht allzu stark und die Situation nicht allzu herausfordernd ist.

Je öfter du diese Übung machst, desto leichter wird es dir fallen, in einen wirklichen Kontakt mit deinen Emotionen zu kommen und du wirst ihn immer mehr vertiefen können. Und irgendwann wirst du auch in überwältigenden Moemnten in der Lage zu sein, bei dir zu bleiben, nach innen zu spüren und beobachtend nach innen zu spüren.


Gestern Abend habe ich Wut gespürt. Und sie spürend erforscht. Sie war dunkel und silberfarben. Ich habe sie eine Zeitlang einfach betrachtet und auf einmal wurde das Bild klar: Das Silber der Wut war Metall. Es war ein Schutzschild aus Metall. Die Wut wollte mich schützen. Als ich dies verstand, entstand Frieden in mir. Und Dankbarkeit.


Und jetzt bin ich wirklich neugierig:

Welche Farbe hat denn deine Wut?

Schreib mir gerne eine Nachricht über das Kontaktformular. Ich freue mich von dir zu lesen!


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