Me-Time für Eltern: Eine Kontroverse.
Ehrlich gesagt kann ich mit dem Begriff „Me-Time“ nicht viel anfangen. Er löst bei mir tatsächlich eher Skepsis aus. „Me-Time“. Ich kenne die Bedeutung und die Wichtigkeit, die ihm beigemessen wird.
Aber warum brauchen wir überhaupt einen Begriff dafür? Es fühlt sich an, als müssten wir etwas outsourcen, als könnte „Me-Time“ nicht ein natürlicher Teil des Alltags sein. Warum ist unser Alltag so verplant, dass „Me-Time“ zu einem Terminfaktor von vielen wird?
In diesem Artikel möchte ich nicht die Relevanz schmälern, sondern Fragen aufwerfen. Und überlegen, ob wir nicht unser Leben so gestalten können, dass wir gar keine Me-Time mehr brauchen, zumindest keine ausgelagerte.
Me-Time für Eltern: Was ist das eigentlich?
Me-Time ist ein Begriff, der besagt, dass Eltern sich bewusst Zeit für sich nehmen. Aber warum brauchen wir überhaupt einen eigenen Ausdruck dafür?
Sollte es nicht vielmehr eine natürliche Selbstverständlichkeit sein, dass wir uns um unsere Bedürfnisse kümmern, ohne einen speziellen Termin dafür zu setzen? Warum wird ein einfacher Moment für uns selbst zu einer ausgelagerten Notwendigkeit? Ist eine erfüllte Zeit wirklich nur in ausgelagerten, exklusiven kindfreien Momenten möglich?
Vielleicht liegt die Antwort darin, dass wir manchmal so in den Funktionsmodus des Elternseins eingetaucht sind, dass wir vergessen, uns selbst wichtig zu nehmen. Könnte es sein, dass der Begriff „Me-Time“ ein Weckruf ist, uns wieder unseren wahren Bedürfnissen zuzuwenden?
Was wäre, wenn wir uns mit unseren Bedürfnissen so verbunden fühlen könnten, dass „Me-Time“ einfach ein natürlicher Teil unseres Lebens wird? Ein Zustand, in dem wir uns nicht extra Zeit für uns selbst nehmen müssen, weil wir bereits in einem ständigen Fluss der Fürsorge und der Selbstfürsorge leben.
Es scheint, als würde „Me-Time“ nicht nur eine Terminologie sein, sondern ein Aufruf, uns bewusst mit unserem eigenen Wohlbefinden zu verbinden und uns selbst und unsere Bedürfnisse wichtig zu nehmen.
Me-Time: Warum ist sie gerade für Eltern so wichtig?
„Me-Time“ ist für Eltern besonders wichtig, da ab dem Moment, ab dem wir Eltern werden, regelmäßig unsere eigenen Bedürfnisse mit denen unserer Kinder kollidieren. Wir sind stark herausgefordert durch die Verantwortung, die wir tragen und die wenige bis gar keine Zeit, die wir für uns haben. Das ist ein gewaltiger Umbruch in unserem Leben. Häufig kommt noch dazu, dass wir gar nicht so genau wissen, was wir eigentlich brauchen, was uns wirklich guttut. Und vielleicht verschieben sich auch unsere Prioritäten. Und wir sind aufgefordert, uns erst einmal wieder neu kennenzulernen.
Insbesondere wenn die Kinder noch klein sind, sind wir rund um die Uhr in Anspruch genommen, und wenn wir langfristig unsere Bedürfnisse vernachlässigen, kann das durchaus zu Erschöpfung und Burnout führen, da wir uns im Hamsterrad des Funktionsmodus aufreiben.
Zeit für sich selbst zu haben wird existenziell. Und dieses Bedürfnis ist so wichtig wahrzunehmen und es anzunehmen. Das Bedürfnis nach Alleinsein. Dass keiner mehr etwas von dir will. Nur Ruhe, Verantwortung abgeben. Wenigstens eine Stunde die Woche.
Aber ist Me-Time überhaupt ein sinnvoller Ansatz? Sorgt es als zusätzlicher Termin nicht eher für zusätzlichen Stress?
Und wird Me-Time vielleicht sogar zu einem Element, welches dafür sorgt, dass ich in den anderen Nicht-Me-Time-Zeiten wieder gut funktionieren kann?
Warum warten wir auf das Zeitfenster der „Me-Time“?
Es scheint, als wäre das Warten auf ein spezifisches Zeitfenster für „Me-Time“ eine kulturelle Norm geworden. Vielleicht liegt es daran, dass wir in einer Gesellschaft leben, die oft den Wert der ständigen Produktivität betont. Die Idee, dass wir uns Zeit für uns selbst nehmen müssen, wird oft auf bestimmte, begrenzte Zeitspannen wie Wochenenden oder Urlaubstage beschränkt. Dieses Denkmuster könnte uns dazu bringen, die Bedeutung einer selbstfürsorgenden Gestaltung unseres Alltags zu übersehen. Es stellt sich die Frage, ob wir in der Lage sind, unsere persönlichen Bedürfnisse in den täglichen Ablauf zu integrieren, anstatt auf einen bestimmten Zeitpunkt zu warten.
Geht es vielleicht doch anders? Wie wäre es, wenn ich meinen Alltag so gestalte, dass ich keine Me-Time brauche? Dass ich diese Zeit nicht outsourcen muss, sondern sie in meinen Alltag und mit meinen Kindern gemeinsam leben kann? Dass ich so lebe, dass ich gar keine Me-Time brauche? Bzw. dass sie sich wie von selbst ganz natürlich in meinem Alltag ergibt und einfügt.
Aber wie können wir einen Weg finden, unser Bedürfnis nach „Me-Time“ zu erfüllen, ohne es auszulagern?

Alternativer Ansatz: Gestalte deinen Alltag so, dass „Me-Time“überflüssig wird
Um den Alltag so zu gestalten, dass „Me-Time“ nicht ausgelagert werden muss, sondern natürlicher Bestandteil des Alltags wird, sind einige Voraussetzungen hilfreich. Es braucht dafür:
- Selbstkenntnis: Ein grundlegendes Verständnis unserer eigenen Bedürfnisse ist essenziell. Wer sich selbst gut kennt, kann Wege finden, seinen Alltag so zu gestalten, dass Selbstfürsorge ein natürlicher Bestandteil wird.
- Kommunikation: Eine offene Kommunikation z.B. mit dem Partner ist entscheidend. Die Planung des Tages kann berücksichtigen, was jeder braucht und wie die Verantwortlichkeiten aufgeteilt werden können.
- Alltagsgestaltung: Den Alltag so gestalten, dass er Eltern und Kindern guttut, ist möglich. Was macht euch allen Freude? Wo können die Kinder dabei sein? Denn unsere Kinder lieben es, Teil unseres Alltags zu sein. Und sie spüren, wenn es uns gut geht.
- Akzeptanz: Es ist wichtig, zu akzeptieren, dass es nicht immer möglich ist, die eigenen Bedürfnisse sofort zu erfüllen. Oft geht es nicht anders, als die eigenen Bedürfnisse ersteinmal zurückzustellen. Dies zu akzeptieren kann eine Erleichterung sein.
- Mut zur Veränderung: Manchmal erfordert es Mut, Strukturen zu ändern. Das kann eine grundlegende Umgestaltung sein oder auch kleine Anpassungen bedeuten, um den Alltag besser den eigenen Bedürfnissen anzupassen.
Dieser Ansatz erfordert bewusste Gestaltung und Veränderung, aber er kann dazu führen, dass „Me-Time“ ein natürlicher Bestandteil des Lebens wird, anstatt darauf zu warten, dass sich Zeitfenster öffnen.
Lade deine Kinder ein, Teil deines Alltags zu sein.
Unsere Kinder ist es wichtig, bei uns zu sein. Wenn wir unseren Alltag so gestalten, dass er uns Freude bereitet, können unsere Kinder einfach dabei sein. Oder mal dabei sein und dann mit ihren eigenen Dingen beschäftigt sein, je nach Bedürfnis. Denn je mehr ich sie einlade, Teil meines Lebens zu sein, desto mehr fühlen sie sich sicher, Zeit alleine zu verbringen und ihr eigenes Leben kreativ zu gestalten. Und so habe ich ganz automatisch Momente nur für mich.
Und wenn ich ganz alleine sein möchte, dann ist es wichtig, dieses Bedürfnis zu äußern und die Rahmenbedingungen anzupassen.
Heute mache ich nur, was mir Freude bereitet
Letzten Sonntag hatte ich nach einer vollen Woche das Bedürfnis nur Dinge zu tun, die mir Freude bereiten. Und morgens habe ich zu meinen Kindern gesagt: „Heute mache ich nur Dinge, die mir Freude bereiten.“ 🙂
Und dann habe ich gegärtnert, Musik gemacht, gebacken, und bei allem waren meine Kinder eingeladen, mitzumachen. Manchmal waren sie dabei, manchmal nicht. Wir haben auch Spiele gespielt, und dann habe ich z.B. gesagt: ‚Mit den Pokémon-Karten möchte ich heute nicht spielen, denn ich möchte heute nur Dinge tun, die mir Freude bereiten. Aber ich spiele gerne UNO mit euch, dazu hätte ich Lust.‘
Der Tag war getragen von einer leichten Stimmung und es ergaben sich wunderschöne gemeinsam verbrachte Momente und auch Momente des Alleinseins für mich. Und alles ergab sich ganz harmonisch und fließend.
Wie wäre es, wenn auch du dich mit einem Tag beschenkst, an dem du nur Dinge tust, die dir Freude bereiten?
Sozusagen als Experiment. Es darf also auch schiefgehen dürfen. Vielleicht müssen wir auch erst einmal lernen, uns selbst wieder ernst zu nehmen und für uns einzustehen. Denn unsere Kinder spüren durchaus, ob wir wirklich hinter dem stehen, was wir sagen, ob wir es wirklich verkörpern.
Manchmal kann schon ein erster kleiner Schritt einen großen Unterschied machen.
Welches ist dein erster Schritt?
