Wie wir durch Beschämung unsere Lebendigkeit verlieren

Als Kinder waren wir voller Lebendigkeit. Wir haben gesungen, getanzt, gelacht, geweint und gespielt, w​aren präsent im Moment. Fühlten uns frei, sicher in uns und ganz und gar lebendig. Jede unserer Körperzellen prickelte vor Lebendigkeit. Und wir drückten sie aus – über unseren Körper. ​

​Als Erwachsene fällt es uns oft schwer, Zugang zu unserer Lebendigkeit zu finden.

​Warum das so ist, was das mit Beschämung, mit unserem Nervensystem und unserem Körper zu tun hat – und wie wir sie durch unsere Kinder wieder entdecken können – das alles erfährst du in diesem Artikel. 

Wie wir für unsere Lebendigkeit beschämt wurden

Unser Ausdruck von Lebendigkeit war häufig nicht erwünscht, wir waren nicht richtig mit unseren großen übersprudelnden Gefühlen. ​Wir wurden für unseren Selbstausdruck beschämt.

​Vielleicht indem unser Ausdruck bewertet wurde, als „zu viel“, „nicht passend“ oder „falsch“. Vielleicht wurde uns gesagt: „Sei doch nicht so laut!“ oder „Jetzt hör doch mal auf, so rumzuhüpfen!“. Und so starb bei jeder Abwertung ein kleiner Teil unserer Lebendigkeit, zog sich in uns zurück, bis wir vielleicht den Zugang dazu irgendwann ganz verloren hatten. Wir triggerten die Erwachsenen mit unserer Lebendigkeit. Und jetzt haben wir selbst Kinder und unsere Lebendigkeit i​st irgendwo ganz tief in uns vergraben. Wir sind vielleicht perfekt im Funktionieren – aber nicht mehr darin – uns lebendig zu fühlen. 

​Lebendigkeit triggert

Warum fühlen sich so viele Erwachsene von der kindlichen Lebendigkeit und Lebensfreude getriggert?

Wenn wir einmal zurückdenken, wie unsere Eltern- und Großelterngeneration aufgewachsen ist, ging es vor allem ums Bravsein, ums Anpassen und ums Funktionieren. Darum, nicht aufzufallen. Ihnen wurde ihre Lebendigkeit teilweise sogar noch ausgeprügelt.

 Lebendigkeit war also in ihrem Nervensystem mit Gefahr verknüpft. Und jeder lebendige Ausdruck eines Kindes triggert diese Erfahrung. Daher ist Lebendigkeit so schwer auszuhalten. Da wirkt es oft leichter, ihren Ausdruck zu verbieten, als sich den eigenen schmerzhaften Themen zu stellen und ihnen ins Auge zu blicken.

Beschämung hinterlässt Spuren im Körper

Die​ Beschämung unserer Lebendigkeit hat Spuren hinterlassen. Wir haben gelernt, uns zurückzunehmen, anzupassen, unseren Selbstausdruck einzuschränken. Und das zeigt sich auch in unserem Körper. Häufig schränken wir unseren Körperausdruck ein und limitieren uns in unseren Bewegungen, ohne uns dessen bewusst zu sein. Vielleicht halten wir auch unseren Atem an, atmen flach, spannen uns an. Sprechen leise.

Hier hat der Körper gelernt: Lieber still, klein und angepasst sein – dann passiert mir nichts.

Was Beschämung mit unserem Nervensystem macht

Beschämung – also das Gefühl, falsch zu sein, nicht dazuzugehören oder gesehen und gleichzeitig abgelehnt zu werden – fühlt sich für unser Nervensystem wie eine Bedrohung an. Und darauf reagiert unser Körper mit Schutzmechanismen.

Wenn wir in beschämenden Situationen keinen sicheren Halt finden, keine Verbindung, kein Mitgefühl, dann bleibt unser System oft in diesem Zustand stecken – und wirkt weiter in uns. Der Körper erinnert sich. Und manchmal reicht ein kleiner Auslöser, um die alte Schutzreaktion wieder zu aktivieren.

Wenn wir unsere körperliche Lebendigkeit nicht ausdrücken – also uns z. B. nicht frei bewegen, nicht laut sprechen, nicht tanzen, nicht weinen oder hüpfen – dann ist das eine Schutzreaktion, die sich aus einer früheren Beschämung heraus entwickelt hat.

Der zugrunde liegende Schutzmechanismus ist häufig eine Kombination aus:

Erstarrung (Freeze) und Unterwerfung (Fawn/Appeasement)

1. Erstarrung (Freeze / dorsal-vagale Reaktion)

Der Körper „bremst“ jede Form von Ausdruck. Es fühlt sich an wie:

  • „Ich darf keinen Raum einnehmen“
  • „Wenn ich mich zeige, bin ich in Gefahr“
  • „Wenn ich sichtbar bin, werde ich wieder beschämt“

2. Unterwerfung oder Fawn-Response

Das ist der Mechanismus, bei dem wir uns so sehr anpassen, dass wir unser eigenes Bedürfnis nach Ausdruck unterdrücken, um akzeptiert zu werden. Wir „fühlen vor“, was erlaubt ist – und was nicht –, und zeigen nur das, was keine Ablehnung provoziert.

Beispielhafte Gedanken, die dahinterstecken können:

  • „Ich bin nur liebenswert, wenn ich nicht auffalle.“
  • „Wenn ich zu wild oder zu laut bin, werde ich nicht gemocht.“
  • „Ich darf nichts machen, was stört.“

Es geht also um den nicht-gelebten, nicht verkörperten Selbstausdruck unseres Körpers. 

Und genau hier können wir ansetzen, um unsere Lebendigkeit wiederzufinden.

Wieder lebendig werden: So kannst du Scham im Körper auflösen

Um uns Schicht für Schicht von der Scham zu lösen, die noch in unserem Körper feststeckt, dürfen wir uns wieder mit unserem Körper und unserem inneren Erleben verbinden.

Hier findest du einige Ansätze, die helfen können:

  1. Achtsames Spüren: Setze dich in Ruhe hin und spüre in deinen Körper hinein. Wie fühlt sich dein Körper gerade an? Spürst du vielleicht eine Enge, Druck oder Taubheit? Welche Bereiche deines Körpers fühlen sich lebendig an? 
  2. Tiefe Atmung: Atme bewusst tief in den Bauch. Spüre, wie der Atem deinen Brustkorb und Bauchraum weitet.
  3. Bewegung: Tanzen, Strecken oder einfaches Schütteln des Körpers können helfen, festgehaltene Energie zu lösen und wieder in den Fluss zu kommen. Taste dich hier spielerisch daran, deinen Raum, in dem du dir Ausdruck erlaubst, zu erweitern.
  4. Visualisierung: Stell dir vor, wie du dich bewegst, wenn du lebendig und frei bist. Sieh dich lachen, springen oder tanzen – ohne Angst vor Beschämung. Gehe in das Gefühl hinein und lasse es sich in dir ausbreiten.
  5. Mitgefühl: Umarme dich selbst. Leg die Hände auf dein Herz oder massiere sanft deine Schultern, um deinem Körper zu zeigen, dass er sicher ist.

Die Beschämung von Lebendigkeit nicht an unsere Kinder weitergeben

Je mehr wir unsere eigene Lebendigkeit wiederentdecken und uns ihren Ausdruck erlauben, desto leichter wird es uns fallen, auch unseren Kindern ihren Ausdruck zu lassen.

Das heißt nicht, dass unsere Kinder keine Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer lernen sollen. Natürlich gibt es Momente, in denen es wichtig ist, dass Kinder sich zurückhalten können – und lernen, dass auch andere Menschen Gefühle und Grenzen haben.

Wichtig ist hierbei, dass Kinder sich in ihrem Bedürfnis gesehen und anerkannt fühlen. Vielleicht im Sinne von:„Ich sehe, dass du gerade ganz unbedingt hüpfen und springen willst. Hier im Restaurant geht das gerade nicht – die anderen Menschen möchten in Ruhe essen. Was meinst du: Schaffst du es noch einen Moment auszuhalten? Dann gehen wir gleich auf den Spielplatz.“

Vielleicht ist es unser Blick, der sich verändern darf:Weg von „Das ist zu laut, zu wild, zu viel“ – hin zu „Da will sich gerade etwas zeigen, das lebendig ist“.

Und wer weiß: Vielleicht können wir ihre Lebendigkeit sogar als Einladung verstehen.Eine Einladung, wieder in Kontakt zu kommen mit unserer eigenen.Mit dem Lachen, dem Weinen, dem Springen und Tanzen in uns – das lange still war.

Reflexionsfragen für dein Journal

Um tiefer in deine eigene Geschichte einzutauchen, kannst du folgende Fragen nutzen:

  1. Wie fühlt sich Lebendigkeit für mich an?
  2. Wie wurde in meiner Kindheit auf meinen Selbstausdruck reagiert?
  3. Triggert mich die Lebendigkeit meines Kindes? Wenn ja: In welchen Momenten?
  4. Wo in meinem Körper spüre ich heute Lebendigkeit? Wo fühlt es sich blockiert an?
  5. Welche Botschaft könnte ich dem Anteil in mir geben, der sich nicht traut, in den Selbstausdruck zu gehen, um ihm zu zeigen, dass es sicher ist, lebendig zu sein?
  6. Welche kleinen Schritte könnte ich gehen, um meiner Lebendigkeit mehr Raum zu geben?

Abschließende Gedanken

Wir dürfen uns wieder erinnern, wie sich Lebendigkeit in unserem Körper anfühlt, und uns Stück für Stück daran herantasten uns mit dem Ausdruck unserer Lebendigkeit wieder sicher zu fühlen. Hier ist es so wichtig ganz achtsam und behutsam vorzugehen, um dich und dein Nervensystem nicht zu überfordern.

Und übrigens: Unsere Kinder sind unsere wunderbarsten Lehrmeister, wenn es darum geht, unsere Lebendigkeit wieder zu entdecken und zu leben! 🙂

Möchtest du dich wieder mehr mit deiner eigenen Lebendigkeit verbinden?

In meinem 1:1-Begleitangebot schauen wir gemeinsam auf die inneren Blockaden, die dich davon abhalten, dich ganz zu zeigen. Du musst das nicht alleine tun.

Lass uns zusammen alte Schichten von Beschämung ablegen und deine Lebendigkeit wieder freilegen – für dich und für deine Kinder.

​Schreib mir gerne über das Kontaktformular oder direkt an: 

mail@emotionen-im-fokus.com

Ich freue mich auf dich!

Katharina

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