Hast du dich schon einmal gefragt, warum es dir so schwerfällt, auf die Wut oder Traurigkeit deines Kindes gelassen zu reagieren? Oder warum du dich selbst so schlecht fühlst, wenn du wütend wirst?
Die Antwort darauf liegt oft nicht in der konkreten Situation, sondern viel tiefer: in dem, was wir über Gefühle gelernt haben.
Der Psychologe John Gottman hat dafür den Begriff Metaemotion geprägt. Er beschreibt, wie wir über Emotionen denken – sowohl über unsere eigenen als auch über die Gefühle anderer. Diese Haltung zu Gefühlen prägt unser ElternSein mehr, als wir oft vermuten.
Was ist Metaemotion?
Unter „Metaemotion“ versteht man die Haltung, die wir zu Emotionen einnehmen – unsere Überzeugungen darüber, welche Gefühle „gut“ oder „schlecht“ sind, wie sie gezeigt werden dürfen oder ob man sie lieber verbergen sollte.
Typische innere Glaubenssätze sind zum Beispiel:
- „Wut ist gefährlich und muss unterdrückt werden.“
- „Traurigkeit macht schwach.“
- „Freude zeigt, dass alles in Ordnung ist.“
Diese Überzeugungen haben wir meist unbewusst in unserer Kindheit übernommen. Sie entstehen aus den Erfahrungen, die wir in gemacht haben, und den Botschaften, die wir über Gefühle mitbekommen haben. Vielleicht hast du gelernt, dass man starke Gefühle nicht zeigen darf, oder du hast erlebt, dass Wut immer zu Konflikten führte. Solche Prägungen wirken bis heute – und beeinflussen, wie du mit deinen eigenen Gefühlen und mit den Emotionen deines Kindes umgehst.
Warum uns die Gefühle unserer Kinder so herausfordern
Kinder fühlen intensiv – und sie zeigen diese Gefühle offen. Genau das triggert uns oft, weil unsere eigene Haltung zu Gefühleneng damit zusammenhängt.
Wie wir über Gefühle denken, beeinflusst, wie wir auf die Emotionen unserer Kinder reagieren. Hier ein paar Beispiele:
Wie wir über einzelne Gefühle und Gefühle im Allgemeinen denken, beeinflusst stark, wie wir auf die Emotionen unserer Kinder reagieren.
Hier ein paar Beispiele:
- Gefühle sind willkommen – oder eher störend?Wenn du glaubst, dass Wut „schlecht“ oder „unkontrollierbar“ ist, könntest du unbewusst versuchen, die Wut deines Kindes zu stoppen oder zu ignorieren. Ergebnis: Dein Kind lernt, dass diese Emotion nicht in Ordnung ist – und fühlt sich vielleicht allein damit.
- Verwirrung vs. KlarheitWenn du selbst nicht gelernt hast, wie man mit Traurigkeit umgeht, könntest du dich hilflos fühlen, wenn dein Kind weint. Ergebnis: Du vermeidest die Situation oder fühlst dich gestresst und möchtest das Weinen möglichst schnell beenden.
- Wie du dich selbst siehstWenn du denkst, dass „gute Eltern immer ruhig bleiben“ sollten, fühlst du dich vielleicht schuldig, wenn du selbst wütend wirst. Ergebnis: Du bist härter zu dir selbst – und das beeinflusst, wie du mit deinem Kind sprichst.
Haltung zu Gefühlen am Beispiel Wut
Schauen wir uns das an der Emotion Wut an.
Wenn deine Haltung zu Gefühlen lautet „Wut ist schlecht und darf nicht ausgedrückt werden“, wirkt sich das auf zwei Ebenen aus:
1. Dein Umgang mit deiner eigenen Wut
Wenn du z. B. glaubst, dass Wut schlecht ist, könnte das dazu führen, dass:
- Du deine eigene Wut unterdrückst: Vielleicht erkennst du gar nicht, dass du wütend bist, und fühlst stattdessen nur Stress oder Überforderung.
- Du dich schuldig fühlst, wenn du wütend wirst: Du denkst vielleicht, dass du als Elternteil „ruhig bleiben musst“, und verurteilst dich selbst, wenn das nicht klappt.
- Deine Wut irgendwann unkontrolliert explodiert: Unterdrückte Gefühle suchen sich oft irgendwann ihren Weg – manchmal in Momenten, in denen wir es am wenigsten wollen.
All das erschwert es, deine Wut bewusst wahrzunehmen und zu regulieren.
2. Dein Umgang mit den Gefühlen deines Kindes
Kinder erleben ihre Emotionen intensiv – und sie brauchen uns, um sie zu verstehen und zu regulieren. Doch unsere Metaemotionen können uns dabei im Weg stehen:
- Du willst die Gefühle deines Kindes möglichst schnell „wegmachen“: Wenn Wut für dich unangenehm ist, könntest du deinem Kind signalisieren: „Beruhige dich!“ oder „Reiß dich zusammen!“.
- Du ignorierst die Gefühle: Vielleicht weißt du nicht, wie du mit der Intensität umgehen sollst, und ziehst dich zurück.
- Du wirst selbst wütend: Wenn die Emotionen deines Kindes dich triggern, kann das schnell zu einem Teufelskreis führen.
Für dein Kind bedeutet das, dass es vielleicht lernt, dass Wut nicht erwünscht ist und die Beziehung zu dir gefährdet. Es lernt, Wut lieber wegzudrücken, anstatt sie zu verstehen und verarbeiten zu lernen.

Wie du deine Haltung zu Gefühlen verändern kannst
Die gute Nachricht: Unsere Metaemotion – also unsere Haltung zu Gefühlen – ist veränderbar. Du kannst sie bewusst reflektieren und neu ausrichten.
Hier ein paar Impulse:
1. Reflektiere deine Glaubenssätze
Frag dich:
- Welche Emotion fällt mir am schwersten auszuhalten – bei mir und bei meinem Kind?
- Was habe ich in meiner Kindheit über diese Emotion gelernt?
- Welche Botschaft möchte ich meinem Kind heute weitergeben?
2. Mach dir die Funktion von Gefühlen bewusst
Jede Emotion darf da sein und gibt dir wichtige Informationen über dich und deine Bedürfnisse. Hier ist es auch hilfreich, die Funktion der jeweiligen Emotionen zu kennen. Wut zeigt z. B., dass deine Grenzen überschritten wurden. Traurigkeit hilft uns, loszulassen. Freude verbindet uns mit anderen und zeigt, dass unsere Bedürfnisse erfüllt sind. Wenn du mehr über die Grundemotionen und ihre Funktion erfahren möchtest, kannst du HIER mehr dazu lesen.
Indem du Emotionen als wertvolle Signale verstehst, kannst du lernen, sie zuzulassen und zu begleiten. Bei dir selbst und bei deinem Kind.
3. Übe Selbstregulation
Dein Kind lernt am meisten durch dein Vorbild. Du kannst Sätze sagen wie:
- „Ich merke, ich bin gerade wütend. Ich atme jetzt tief durch.“
- „Ich brauche kurz eine Pause, um mich zu sortieren.“
So zeigst du, dass alle Gefühle richtig und wichtig sind – und dass man lernen kann, gut mit ihnen umzugehen.
4. Sei ein emotionaler Coach für dein Kind
Statt Gefühle deines Kindes zu bewerten, begleite sie:
- „Ich sehe, dass du wütend bist.“
- „Magst du mir erzählen, was das für eine Traurigkeit ist? Ich bin bei dir.“
Das gibt deinem Kind Sicherheit: Alle Gefühle sind willkommen.
Einladung zur Reflexion: Dein Emotionsjournal
Wenn du tiefer einsteigen möchtest, kann Journaling dir helfen, deine eigenen Metaemotionen zu erforschen. Hier ein paar Fragen als Inspiration:
- Welche Emotion hat mich heute am meisten überrascht? Warum?
- Gab es heute einen Moment, in dem ich die Gefühle meines Kindes besser verstehen konnte?
- Welche Glaubenssätze über Gefühle möchte ich an mein Kind weitergeben?
Hol dir hier dein Emotionsjournal!
Es enthält reflektierende Fragen und Impulse, die dich dabei unterstützen, deine Haltung zu Gefühlen bewusst zu gestalten – für dich und dein Kind.
