Es ist gar nicht so leicht wahrzunehmen, ob wir unsere Gefühle meiden oder nicht. Denn dadurch, dass wir uns von unseren Gefühlen ablenken, sie ignorieren oder unterdrücken, verschwinden sie aus unserer bewussten Wahrnehmung. Woran erkenne ich denn nun, ob ich meine Gefühle meide?
Wir leben in einer Gesellschatft, in der Dauerablenkung, auch durch die ständige Nutzung digitaler Medien, so normal ist, dass wir unseren morgendlichen Griff zum Handy gar nicht mehr hinterfragen.
Wir verlieren uns selbst aus dem Blick, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Aber wir verlieren nicht nur den Blick auf uns selbst, sondern auch den Blick auf unsere Kinder.
Wenn wir unsere eigenen Emotionen nicht wahrnehmen können, oder uns von ihnen ablenken, wie sollen wir dann die unserer Kinder wahrnehmen und aushalten?
Dieser Artikel wirft einen Blick auf 10 Anzeichen, die darauf hinweisen können, dass wir Gefühle vermeiden, und stellt dir eine konkrete Übung vor, mit der wir uns wieder mit uns selbst und mit unserem inneren Erleben verbinden können.
Die 10 Anzeichen, dass du Gefühle meidest:
- Schwierigkeiten, uns zu fühlen: Wenn es dir schwer fällt, dich wirklich zu spüren oder dich vielleicht sogar innerlich leer fühlst, könnte es darauf hinweisen, dass du deine Gefühle meidest. Emotionen sind ein wesentlicher Bestandteil unseres Lebens, und wenn wir sie unterdrücken verschwindet die Lebendigkeit aus unserem Leben.
- Ständige Beschäftigung: Wenn du dir wenige Pausen gönnst und dich durch Aktivitäten, wie Arbeit oder digitale Medien ablenkst, kann das ein Zeichen dafür sein, dass du unbewusst versuchst, unangenehme Emotionen zu vermeiden. Denn um dich und deine Gefühle wahrnehmen zu können, sind Stille und ein Zur-Ruhe-Kommen notwendig.
- Fehlendes Bewusstsein für dich selbst: Wenn es dir schwerfällt, deine eigenen Bedürfnisse und Grenzen wahrzunehmen, könnte dies darauf hindeuten, dass du den Kontakt zu deinen Gefühlen verloren hast. Denn deine Gefühle weisen dich auf deine Bedürfnisse hin und zeigen dir, ob sie erfüllt sind oder nicht. Fehlt dir der Zugang zu deinen Gefühle, fehlt dir dieser Kompass, und du kannst oft nicht spüren, was du brauchst und wo du über deine Grenzen gehst.
- Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen: Wenn es uns schwerfällt, unsere Gefühle wahrzunehmen, wird es uns vermutlich auch schwerfallen, die Gefühle anderer wahrzunehmen – z.B. die Gefühle unserer Kinder. Das kann zu Schwierigkeiten in der Kommunikation führen, wodurch vermehrt Konflikte entstehen können, weil wir in gegenseitige Unverständnis gefangen bleiben.
- Perfektionismus: Wenn wir versuchen, möglichst perfekt zu sein und keine Fehler zu machen, ist dies meistens der Versuch unserer verletzten Anteile in uns, nicht mit schmerzhaften Gefühlen in Kontakt zu kommen, die wir fühlen müssten, würden wir mit unserer eigenen Unvollkommenheit konfrontiert werden.
- Emotionale Ausbrüche: Wenn plötzlich und unontrollierbar die Wut aus uns herausbricht, bedeutet das meist, dass unterdrückte Gefühle durch Trigger an die Oberfläche kommen. Wenn wir unsere Gefühle immer wieder beiseite schieben, kommt unweigerlich irgendwann der Punkt, an dem sie zu stark werden, um sie weiter unterdrücken zu können. Unser Kind ist dann mit seinem Verhalten in dem Moment vielleicht der Auslöser, aber nicht die Ursache für deine übergroße Wut.
- Mentalisieren: Wenn du viel theoretisches Wissen z.B. über Emotionen hast, kann es passieren, dass du in schmerzhaften Momenten beginnst, die Situation zu analysieren und dich dabei von deinem Gefühle in der jeweiligen Situation abtrennst. Auch in dem wir in den Kopf gehen meiden wir Gefühle.
- Körperliche Symptome: Körperliche Beschwerden wie Kopfschmerzen, Schlafstörungen oder Magenprobleme können auf unterdrückte Emotionen hinweisen. Der Körper reagiert oft auf nicht verarbeitete Gefühle. Denn Emotionen sind Energie in Bewegung. Wenn wir sie verdrängen bleibt die Energie erhalten und äußert sich dann häufig in somatischen Beschwerden.
- Flucht in Substanzen oder Verhalten: Der vermehrte Konsum von Alkohol, Zigaretten, anderen Drogen, Zucker oder (sozialen) Medien können Wege sein, um vor unseren schmerzhaften Gefühlen zu fliehen. Diese Fluchtmuster bringen uns vorübergehend zwar eine kurzfristige Erleichterung, helfen uns aber nicht dabei, einen guten Umgang mit unseren Gefühlen zu finden.
- Schwierigkeiten bei Entscheidungen: Wir können leichter Entscheidungen treffen, wenn wir gut mit unseren Gefühlen und unserem inneren Erleben verbunden sind. Denn dann spüren wir auf einer anderen Ebene, was wir brauchen, und haben unabhängig zu der rein rationalen Entscheidungslogik noch einen weiteren wichtigen und klugen Ratgeber: unsere Gefühle.
Gefühle meiden: Was mache ich denn jetzt, wenn ich mich darin wiedererkenne?
Du kannst ersteinmal tief durchatmen. Akzeptiere, dass es so ist. Akzeptiere, dass du bisher dieses Weg gewählt hast, um mit deinen Emotionen umzugehen, und dass dieser Weg dir zu einer bestimmten Zeit in deinem Leben hilfreich und – man kann sogar sagen überlebenswichtig – gewesen ist. Du darfst dich erst einmal selbst mitfühlend in den Arm nehmen und dir bewusst machen, dass du dich durch diesen Umgang mit deinen Emotionen versucht hast, selbst zu schützen.
Da dieser meidende Umgang mit deinen Emotionen allerdings für dein heutiges Leben eher nicht mehr überlebenswichtig ist, sondern dir mehr schadet als dich unterstützt, darfst du beginnen, dich von ihm zu verabschieden.
Wie dir das gelingen kann, erfährst du im folgenden Absatz.
Wieder in Kontakt treten mit deinen Emotionen:
Eine Achtsamkeitsübung
Da du durch die – häufig langjährige – Vermeidung deiner Emotionen meist die Verbindung zu deinem inneren Erleben verloren hast, ist der erste Schritt, wieder mit dir selbst in Kontakt zu gehen.
Eine schöne Übung, die ich dir dafür ans Herz legen möchte, ist die Körper-Scan-Meditation, auch als Bodyscan-Meditation bekannt. Sie ist recht einfach, aber sehr wirkungsvoll, besonders wenn du sie regelmäßig in deinen Alltag integrierst. Diese Übung hilft dir, deine Aufmerksamkeit bewusst auf verschiedene Teile deines Körpers zu lenken und dabei eventuelle emotionale Spannungen oder Empfindungen zu erkennen.
Zu Beginn kann es sinnvoll sein, eine angeleitete Variante auszuprobieren. Du findest z.B. auf Youtube eine Unmenge davon. Hier ist es wichtig, dass du dir die Zeit nimmst, eine Body-Scan-Meditation herauszusuchen, bei der sich Stimme und Hintergrundmusik für dich passend anfühlen.
Körper-Scan-Meditation:
- Vorbereitung: Setze oder lege dich in eine bequeme Position. Schließe sanft die Augen und konzentriere dich auf deine Atmung, um zur Ruhe zu kommen.
- Fokussiere deine Aufmerksamkeit: Beginne, deine Aufmerksamkeit auf deinen Atem zu richten. Atme ruhig und bewusst ein und aus, um im gegenwärtigen Moment anzukommen.
- Scanne deinen Körper: Lenke nun deine Aufmerksamkeit auf verschiedene Teile deines Körpers, beginnend mit den Zehen. Spüre bewusst in jede Region hinein, ohne sie zu bewerten. Lass deine Aufmerksamkeit langsam durch den Körper wandern, bis hin zum Kopf.
- Achte auf Empfindungen: Wenn du auf bestimmte Bereiche triffst, die verspannt oder unangenehm sind, richte deine Aufmerksamkeit darauf. Beobachte die Empfindungen ohne Urteil. Oft sind in solchen Bereichen auch emotionale Blockaden oder unterdrückte Gefühle gespeichert.
- Atme in diese Bereiche: Atme bewusst in die verspannten oder unangenehmen Bereiche hinein. Stelle dir vor, wie du mit jedem Atemzug Spannungen loslässt und Platz für Entspannung schaffst.
- Dankbarkeit und Selbstmitgefühl: Zum Abschluss richte deine Aufmerksamkeit auf deinen gesamten Körper. Fokussiere dich auf das Gefühl der Entspannung und spüre Dankbarkeit für deinen Körper. Schicke dir selbst liebevolle Gedanken und Akzeptanz.
- Langsam zurückkehren: Öffne nach einiger Zeit sanft die Augen und kehre langsam in deine Umgebung zurück.
Diese Übung kann täglich praktiziert werden und unterstützt dich dabei, dich wieder mit deinen Emotionen zu verbinden. Sei geduldig mit dir selbst und erlaube dir, diesen Prozess als einen Weg der Selbstentdeckung zu sehen. Veränderungen brauchen Zeit, und mit jeder bewussten Übung kommst du einen Schritt näher zu einer tieferen Verbindung mit deinem inneren Erleben.
