Was ElternSein für mich mit Hingabe zu tun hat
Wenn wir mit einer Situation in den Widerstand gehen, entsteht Stress und wir leiden. Als Eltern kommen wir täglich in Situationen, die nicht vereinbar mit unseren eigenen Bedürfnissen sind. Hier können wir bewusst die Entscheidung treffen, in die Hingabe zu gehen, anstatt in den Widerstand.
Warum uns das entspannter und gelassener werden lässt, und warum es wichtig ist, Hingabe nicht mit Selbstaufgabe zu verwechseln, erfährst du in diesem Artikel.
Welche Bedeutung hat Hingabe für mich?
Ich verstehe Hingabe als ein bewusstes Sich-Einlassen auf den Moment, als ein Herzöffnen und Akzeptieren und Annehmen dessen, was ist. Hingabe hat für mich eine sehr positive Bedeutung. Sie bezieht sich auf geliebte Menschen, auf Tätigkeiten die für uns eine große Bedeutung haben. Wir geben uns einer Situation, Tätigkeit, Person hin, mit all unserem Wesen, mit unserer Präsenz, mit unserer Energie und Leidenschaft. Wir sagen aus ganzem Herzen JA.
Hingabe bedeutet, dass ich ganz bei dem bin, was ich tue. Dass ich BIN, dass ich mitfließe mit dem Strom des Lebens. Ich gebe mich dem Hin, was ist. Voll und ganz. Ich bin nicht innerlich geteilt. Ich mache meine Arbeit nicht nebenbei, ich spiele nicht nebenbei mit meinen Kindern sondern ich bin ganz da – ganz präsent in mir verankert. Also auch im Kontakt mit mir.
Hingabe bedeutet für mich folglich auch einen Perspektivwechsel. Von Außen nach Innen. Weg vom Funktionsmodus hin zum Spüren, was ich brauche, wahrzunehmen, wie ich mich in die Situation entspanne, innere Klarheit zu erlangen.
Und das Gute ist, ich kann ganz bewusst immer wieder die Entscheidung treffen, in die Hingabe zu gehen anstatt in den Widerstand. Hingabe ist folglich ein Akt des Empowerments, nicht ein Akt der Unterwerfung und Selbstaufgabe.
Je öfter wir uns daran erinnern, desto öfter werden wir in herausfordernden Situationen den Moment wahrnehmen, an dem wir einmal kurz innehalten und eine Entscheidung treffen können. Aus einer Klarheit heraus und im Einklang mit uns und unseren Bedürfnissen.
Nur jemand, der weiß, was Schönheit ist, blickt einen Baum oder die Sterne oder das funkelnde Wasser eines Flusses mit völliger Hingabe an. Und wenn wir wirklich sehen befinden wir uns in einem Zustand der Liebe.
Jiddu krishnamurti
Hingabe bedeutet auch Innehalten. Beobachten. Sich bewusst für die Hingabe entscheiden. Mich liebevoll verbunden fühlen – mit mir selber und mit meinen Mitmenschen, mit meiner Umgebung und meinem Erleben.
Sobald ich JA zu etwas sage, löst sich der Widerstand auf. Ich kann wieder klar sehen, ich kann wieder spüren, was ich brauche. Und eine bewusste Entscheidung treffen. Wertegeleitet anstatt aus einem Vermeidungs- oder Funktionmodus heraus. Denn in diesem ist es mir nicht möglich, Liebe und Verbundenheit zu spüren.
Das bewusste JA führt zu Entspannung – und ermöglicht mir zu sehen, was wirklich ist. Es ebnet den Weg zu einem neuen inneren Zustand.
Was Hingabe mit Akzeptanz zu tun hat
Hingabe und Akzeptanz sind eng miteinander verbunden. Hingabe beinhaltet immer auch Akzeptanz.
Akzeptanz bedeutet, äußere (z.B. eine Person oder eine Situation) oder innere (z.B. Gedanken, Gefühle, Emotionen, Empfindungen) Gegebenheiten so anzunehmen, wie sie sind, ohne sie zu bewerten, zu urteilen oder den Wunsch zu haben, sie zu verändern. Es bedeutet, den inneren und äußeren Erlebnissen Raum zu geben und nicht in den Widerstand zu gehen. Indem wir uns die Erlaubnis zum Er-Leben geben, bekommen wir eine Alternative dazu, unsere innere und äußere Welt kontrollieren zu wollen.
Akzeptanz ist jedoch nichts Passives! Sie darf nicht verwechselt werden mit Erdulden, Aushalten oder Resignieren.
Es geht um das Annehmen dessen, was sich in jedem Moment vor dir entfaltet – gerade und ganz besonders, wenn unsere Realität anders ist, als wir sie gerne hätten. Und sich unserem Erleben ganz bewusst zu öffnen und – hinzugeben. Also aus dem Widerstand zu gehen.
Wahrzunehmen, was ist.
„Acceptance is change“ Russ Harris
Die Bereitschaft, mich auf mein inneres und äußeres Er-Leben einzulassen, ohne mich in Vermeidungs- und Kontrollstrategien zu flüchten, ermöglicht mir, in Kontakt mit mir zu kommen.
Und dann kann Wandel geschehen.
Entweder ein innerer Wandel indem ich mich in die Situation hinein entspanne. Oder ein äußerer Wandel, indem ich wahrnehmen kann, was ich brauche, was mein Bedürfnis ist und wie ich diese Bedürfnis erfüllen kann.
Hingabe bedeutet, Einverstanden zu sein. Widerstand jedoch erhält die Dinge. Erst wenn wir das annehmen, was ist, wird Veränderung möglich.
Hingabe hat daher immer auch etwas mit Vertrauen zu tun. Mit dem Vertrauen darauf, dass sich vieles ändern wird, sobald wir uns dem Moment hingeben.
So übe ich mich täglich in Hingabe
Es gibt jeden Tag unzählige Situationen, in denen unsere eigenen Bedürfnisse mit denen unserer Kinder kollidieren. Je kleiner das Kind, desto häufiger. Wir werden immer wieder herausgefordert, eigene Vorstellungen und Erwartungen loszulassen, uns hinzugeben – aus Liebe zu unserem Kind.
Es fängt schon mit der Geburt an, denn wo, wenn nicht unter der Geburt, ist man so sehr gefordert loszulassen und sich voll und ganz dem Prozess hinzugeben, wie in diesem naturgewaltigen Moment.
Und danach brauchen unsere Kinder rund um die Uhr unsere Hingabe. Unsere Liebe, unsere Zeit, das Zurückstellen unserer eigenen Bedürfnisse. Und das ist gar nicht so leicht. Es ist ein Prozess. Und nur die große Liebe zu unseren Kindern lässt uns Schritt für Schritt den Weg der Hingabe gehen in diesem Prozess, der sich zeitweilig nach absoluter Selbstaufgabe anfühlen mag.
Ich selber habe gemerkt, wie sehr Kinder zu haben eine Schule des Lebens in Hingabe ist. Immer und immer wieder.
Wenn wir dieses wunderbare Geschenk annehmen, können wir innerlich wachsen – und uns in einer Tiefe wieder mit uns selber verbinden die uns vorher unbekannt war.


Ich möchte dir gerne ein Beispiel geben. Mein Leben ist reich an Beispielen für Hingabe, denn ich darf mich mich jeden Tag, immer und immer wieder, in Hingabe üben. Manchmal fällt es mir leichter, manchmal schwerer. Aber immer ist da dieser Moment der Entscheidung – falls es mir gelingt ihn wahrzunehmen – an dem ich mich dazu entscheiden kann, mich voll und ganz und voller Vertrauen in den Moment hinein zu entspannen.
Also, ein Moment der tagtäglich vorkommt und der dir bestimmt aus deinem Alltag auch gut bekannt ist:
Es ist Zubettgehzeit. Ich bin unendlich müde. Der Tag lang, viel zu tun auf der Arbeit, viel organisiert, Streits der Kinder geschlichtet, gespielt, zugehört, den Haushalt nebenbei erledigt. Ein Tag ohne Pausen. Ich will, dass die Kinder jetzt so kurz vorm Zubettgehen funktionieren. Dass sie sich die Zähne putzen, ihren Schlafanzug anziehen,… ohne dass ihnen zwischendurch noch viele unterschiedliche furchtbar wichtige Dinge einfallen oder auf ihrem Weg ins Badezimmer begegnen. Mein kleiner Sohn fängt noch an ein Bild zu malen. Ich weiß was passiert, wenn ich anfange mehr Druck auszuüben. Weil ich müde bin. Weil ich Zeit für mich brauche. Regelmäßig führte dieser Moment des Tages bei mir zu Überforderung. Ich ging innerlich in den Widerstand. War nicht im Moment, sondern gedanklich schon bei meiner heißgeliebten Ruhezeit am Abend, die ich langsam schwinden sah. Ich fing an zu meckern, zu drohen. Kurz gesagt: ich war im Stress und gab diesen direkt an meine Kinder weiter. War das hilfreich? Nein, nie. Oft gab es auch Tränen. Und ich fühlte mich hinterher schlecht.
Inzwischen ist es entspannter geworden.
Ich bin entspannter geworden, denn ich gebe mich dem Moment hin. Ich kümmere mich um mich. Ich lege mich mit einem Buch ins Bett sage meinem Kind es soll kommen, wenn es seine Zähne putzen möchte. Meistens funktioniert das. Oft braucht es nochmal einen Impuls meinerseits wenn mein Sohn dann auftaucht. Aber ich habe für mich entschieden, diesen Moment, den ich am schwierigsten fand von allen Momenten des Tages, in einen Ruhemoment umzugestalten. Indem ich aus dem Widerstand gegangen bin. In die Hingabe an den Moment. Und das hat dazu geführt, dass ich wieder bewusst spüren konnte, was ich brauchte.
Der Schrecken vor dem Zubettgehmoment hat sich gewandelt, ich kann in sogar für mich genießen. Und irgenwie läuft alles. Auch das Zähneputzen ist entspannt geworden, denn mein Sohn hat sein Gefühl von Selbstbestimmung voll und ganz ausgelebt indem ich ihm seine Zeit und seinen Ablauf lasse und darauf vertraue, dass es auch so klappt, ohne dass ich Druck ausübe oder schlechte Laune bekomme. Und dann putzt er ganz von alleine die Zähne.
Hingabe vs. Selbstaufgabe
Hingabe ist folglich für mich gleichbedeutend mit Selbstempowerment. Denn ich treffe eine bewusste Entscheidung. Ich nehme die Welt meiner Kinder, ihre Wahrnehmung der Wirklichkeit, ihr Zeitempfinden, ihre Bedürfnisse nach Liebe und Zuneigung bejahend an – und komme so immer wieder in den Moment zurück. Raus aus dem Funktionsmodus hinein ins ERleben dessen was ist.
Ich nehme den Moment so an, wie er ist und dann geschieht das Wunder: ich kann ihn wieder wahrnehmen als wundervollen Moment meines Lebens. Ich gehe wieder zurück in eine Verbindung mit mir, die ich verloren hatte. Und die es mir erlaubt, mich selber und meine eigenen Bedürfnisse wieder wahrzunehmen. Mich gut um mich zu kümmern. Und gleichzeitig viel mehr Liebe an meine Kinder weiterfließen lassen zu können. Denn ich bin in einem Moment des Friedens und der Liebe angekommen.
Selbstaufgabe bedeutet hingegen, seine eigenen Bedürfnisse zu übergehen.
Es beinhaltet einen Mangel an Selbstfürsorge, da die eigenen Wünsche und das eigene Wohlbefinden vernachlässigt werden, um den Bedürfnissen oder den Erwartungen anderer gerecht zu werden. In diesem Zustand bin ich nicht mit mir verbunden. Ich bin nicht präsent. Ich kann meine eigenen Grenzen nicht wahrnehmen und nicht spüren, wenn ich mich selber übergehe.
Wenn du genau in dich hineinspürst kann es dir gelingen, diesen Unterschied sogar körperlich wahrzunehmen.
Selbstaufgabe führt zu Anspannung. Hingabe hingegen führt sofort zu Entspannung.
Warum Hingabe manchmal gar nicht so leicht ist
Hingabe bedarf einer bewussten Entscheidung, worauf ich meinen Fokus legen möchte. Es ist die Entscheidung, mit welcher inneren Einstellung ich an die jeweilige Situation herangehen werde.
Und das ist gar nicht so leicht. Denn wie oft gehen wir automatisch in den Widerstand. Und bemerken gar nicht, dass wir im Widerstand sind. Statt dessen spüren wir Ärger, Unruhe, Gereiztheit. Vielleicht fangen wir an zu meckern, schimpfen, drohen…
Es geht also auch darum, sich diese Momente bewusst zu machen, in denen wir im Widerstand sind. Sich gut zu beobachten und in der Situation zu bemerken: Oh, ich bin im Widerstand. Und sich selber zu erlauben sich vertrauensvoll der Situation hinzugeben.
Mich vielleicht auch bewusst dafür zu entscheiden, in diesem Moment mein Bedürfnis zurückzustellen, weil es gar nicht anders möglich ist. Und hier kann Stärke und Gelassenheit entstehen.
Denn ich weiß, dass es für mich so entspannter ist, als im Widerstand zu sein. Und: im Widerstand blockiere ich mich selber und kann keine bewussten Entscheidungen treffen.
Wenn es mir gelingt, mich in die Situation hinein zu entspannen und mich von Gedanken, Bewertungen und To-Do-Listen löse, dann bin ich wirklich im Moment. Mit meiner Hingabe an die Situation fokussiere ich meine Energie auf einen Punkt – auf den Moment. Egal, was ich gerade tue oder was gerade ist. Hier entsteht der Raum und die Freiheit, meine Entscheidungen bewusst treffen zu können.

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