Langeweile bei Kindern.
"Mama, mir ist langweilig!" Hand aufs Herz. Was passiert da in dir, wenn dein Kind das zu dir sagt? Fühlst du dich verantwortlich, dein Kind aus der Langeweile zu holen? Oder kannst du gelassen bleiben und überlässt die Verantwortung deinem Kind?
Langeweile kann sich unangenehm anfühlen - aber es ist immer eine Gelegenheit, sich mit sich selbst zu verbinden und aus sich selbst zu schöpfen.
Aktuell sind unsere Kinder oft 8 Stunden am Tag in Fremdbetreuung oder Schule. Dann gibt es meist nachmittags noch Aktivitäten, Verabredungen, Medienzeit. Wann bleibt dort noch Zeit und Raum für Langeweile?
Mein Appell: Ermöglicht euch und euren Kindern wieder, Langeweile zu erleben und auszuhalten!
Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hinzuschauen.
Astrid lindgren
Weniger Tun und mehr Sein
Gerade in der deutschen Kultur sind wir wie gefangen in dem inneren Antrieb, ständig etwas tun zu müssen, am besten noch etwas Sinnvolles. So geraten schnell schon Kinder in den Funktionsmodus, den wir Erwachsenen leben und noch viel zu selten hinterfragen. Da er oft erst dann wahrgenommen wird, wenn wir eben nicht mehr funktionieren, vielleicht schon kurz vor dem Burn-Out stehen.
Oftmals bemerken wir gar nicht, in welchem Tempo wir unterwegs sind, da wir kaum mal stehenbleiben.
Unsere Kinder werden auch schon dazu getrimmt zu funktionieren. Sie müssen sich meist schon mit einem Jahr den von außen gesetzten Strukturen der Fremdbetreuung anpassen, müssen morgens funktionieren auf dem Weg, damit die Eltern nicht zu spät zur Arbeit kommen. Gehen krank in die Kita, weil die Eltern weiter auf der Arbeit funktionieren müssen. Uns beschleicht ein mulmiges Gefühl. Aber im Tempo des Funktionierens wird dieses Gefühl schnell wieder verdrängt, genauso wie unsere innere Stimme, die schreit: "Das kann so nicht gut sein! Ich möchte bei meinem Kind sein, wenn es krank ist." Aber wir fühlen uns verpflichtet, brauchen das Geld, die Arbeit und funktionieren weiter.
Auch in der Freizeit haben wir dann häufig noch Freizeitstress: Turnen, Fußball, Ballett, musikalische Früherziehung, Klavierunterricht... Ausflüge am Wochenende, Verabredungen. Und nicht zu vergessen den Medienkonsum.
Da wir uns selbst perfekt im Hamsterrad des Funktionierens eingerichtet haben, hinterfragen wir viel zu selten, ob es wirklich besser ist, wenn wir dem Kind möglichst viele Aktivitäten bieten.
Wann nehmen wir uns denn die Zeit, einfach nur dazusitzen und vor uns hinzuschauen? Warum ist Langeweile oft so schwer auszuhalten?
Langeweile ist oft schwer auszuhalten
Oftmals rattert die äußere Geschwindigkeit noch im Inneren weiter, wenn wir versuchen zur Ruhe zu kommen. Und das kann sich bedrohlich anfühlen. Also füllen wir doch wieder die Zeit mit Aktivität, und sei es nur der Blick aufs Handy, das Checken der To-Do-Liste, die Ausflugsplanung.
Das kann z.B. mit einem überstimulierten Nervensystem zusammenhängen. Gerade als Eltern haben wir immer etwas zu tun, und der Mental-Load-Berg wächst gefühlt stündlich. Das kann zu einer Überlastung des Nervensystes führen, wobei wir uns an diesen Zustand der ständigen Aktivierung gewöhnen.
Ein überstimuliertes Nervensystem macht es uns schwer, uns in Momenten der äußeren Ruhe zu entspannen und auch innerlich zur Ruhe zu kommen. Langeweile kann sich daher körperlich unangenehm anfühlen, wenn das überstimulierte Nervensystem auf die Abwesenheit ständiger Reize reagiert, indem es beständig nach neuen Reizen sucht.
Was verlieren wir dabei?
Wenn es schwer ist, Langeweile auszuhalten, sind wir ständig getrieben, neue äußere Reize zu generieren. Dabei richten wir unsere Aufmerksamkeit nach außen und verlieren den Kontakt zu uns selbst. Denn um mit uns selbst verbunden sein zu können, müssen wir uns wahrnehmen und spüren können. Der ständige Drang nach externer Stimulation kann dazu führen, dass wir uns von unserem inneren Selbst entfremden. Wir verlieren den Zugang zu einem wahrhaftigen, authentischen Kontakt zu uns und unseren Kindern. Auch der Zugang zu unserem inneren Wissen, unseren Gefühlen, Bedürfnissen und unserer Intuition geht verloren. Unsere Kreativität wird unterdrückt. Statt dessen funktionieren wir hervorragend. Aber wer sind wir wirklich? Was brauchen wir? Wie wollen wir leben? Um Zugang dazu zu bekommen, müssen wir zur Ruhe kommen und lernen, Langeweile auszuhalten, bis daraus etwas Wunderbares entstehen kann – ein kleines Pflänzchen zuerst.
Mein Appell lautet also: Gib dir Raum für Langeweile. Gib dir und deinen Kindern Raum für wahre Verbindung.
Zurück zur Langeweile? Ein Hoch auf die Langeweile
Wie bei allem in der Elternschaft ist es auch bei der Langeweile so. Wir sind als Eltern verantwortlich dafür, einen Raum zu schaffen, in dem es überhaupt erst möglich ist, zur Ruhe zu kommen. Und um diesen Raum für unsere Kinder zu schaffen, müssen wir selbst Langeweile aushalten können.
Puh!
Ein erster wichtiger Schritt hin zur Veränderung kann das wertfreie Beobachten sein. Wenn du zur Ruhe kommst, versuche einmal ganz bewusst in deinen Körper zu lauschen und zu bemerken, was in diesen Momenten in dir passiert. Kommst du in eine innere Not und fühlst dich getrieben? Oder kannst du die Ruhe genießen? Versuche, das Gefühl einfach nur wahrzunehmen und dasein zu lassen.
Je öfter du dies übst und gezielt kleine Momente der Ruhe in deinen Alltag integrierst, desto leichter wird es dir fallen, nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich zur Ruhe zu kommen.
Und damit auch deinem Kind die Möglichkeit und den Raum dazu geben, zur Ruhe zu kommen.

Der Weg zurück in die Langeweile: 10 konkrete Umsetzungs-Impulse
Den Weg zurück zur Langeweile zu finden, erfordert bewusste Entscheidungen und einen gewissen Umdenkprozess im eigenen Leben und im Leben der Kinder. Hier sind 10 Impulse, die helfen können:
- Bewusstsein schaffen: Betrachte Langeweile als eine Gelegenheit, dich mit dir selbst zu verbinden und aus dir selbst zu schöpfen. Beobachte dich und deine Reaktionen auf äußere Ruhe.
- Reduzierung von Aktivitäten: Wie gestaltet ihr eure Tage? Überlege, ob es möglich ist, einige Aktivitäten zu reduzieren. Schaffe bewusst Pausen im Tagesablauf, um Raum für freie Zeit zu schaffen.
- Freizeit ohne Struktur: Lass Freizeit bewusst ohne festgelegte Aktivitäten oder Verpflichtungen zu. Gib den Kindern Raum, ihre Zeit selbst zu gestalten und ihre eigenen Interessen zu erkunden.
- Naturverbundenheit fördern: Geht in die Natur und schafft Momente, in denen Kinder einfach draußen sein können, ohne angeleitete Aktivitäten. Es geht darum, sich mit der Natur aus eigenem Impuls heraus zu verbinden und zu entdecken.
- Gemeinsame Zeit: Verbringe bewusst Zeit mit deinen Kindern, ohne bestimmte Aktivitäten oder Unternehmungen zu planen. Einfach zusammen sein, ohne den Druck, etwas Bestimmtes zu tun.
- Kreativität fördern: Wenn deine Kinder zu Hause Zugang zu kreativen Ressourcen haben, wie Malutensilien, Bücher, oder Bastelmaterial, können sie frei aus sich selbst heraus gestalten und schöpferisch kreativ sein.
- Vorbild sein: Wenn du deinen Kindern vorlebst, Ruhezeiten zu genießen und schöpferisch zu füllen, werden sie dir dies abschauen und Ruhezeiten als wichtige Auszeit verstehen lernen.
- Achtsamer Medienkonsum: Reduziere den Medienkonsum und die Nutzung elektronischer Geräte. Dadurch entsteht mehr Raum für eigene Gedanken, Fantasie und selbstbestimmte Aktivitäten.
- Selbstwirksamkeit: Ermögliche deinen Kindern, ihre Langeweile auszuhalten und aus sich selbst heraus Ideen zu generieren, so dass sie sich als selbstwirksam erleben können.
- Rückzugsorte schaffen: Schaffe Orte im Haus oder draußen, die frei von Ablenkungen sind und Raum für Stille und innere Einkehr bieten.
Die Rückkehr zur Langeweile erfordert ein bewusstes Bemühen, sich von der ständigen Aktivität und Reizüberflutung zu lösen. Du wirst aber dadurch belohnt werden, dass du immer mehr in Balance kommst und dein ElternSein gelassener und authentischer gestalten kannst.
Langeweile als Ressource
Langeweile ermöglicht Kindern, sich selber kennenzulernen, sich mit sich selbst zu verbinden. Dies ist eine Ressource von unschätzbarem Wert.
Wir als Eltern dürfen hier bei uns beginnen und uns selber wieder in der Ruhe und inneren Verbundenheit begegnen. Dies ermöglicht uns, ein achtsameres und bewussteres ElternSein zu leben. Wenn wir unseren Drang reduzieren können, jeden Moment mit Aktivitäten zu füllen, und uns statt dessen wieder auf das Langsame des ElternSeins besinnen, schaffen wir eine gemeinsam Zeit, in der unser ElternSein nicht von einem geschäftigen Zeitplan, sondern von echter Verbundenheit geprägt ist.
