Als Eltern können wir uns von den starken Gefühlen unserer Kinder überfordert oder sogar getriggert fühlen.
Unsere Kinder drücken all ihre Gefühle ungefiltert aus. Dadurch wecken sie oft verdrängte und längst vergessene Emotionen in uns, alte Verletzungen, auf die wir dann reagieren, obwohl sie im Grunde nichts mit unserem Kind zu tun haben. Unsere Kinder sind der Auslöser, aber nicht die Ursache.
Welches mögliche Ursachen sein können, wie wir sie uns bewusst machen und damit umgehen können, möchte ich in diesem Blogartikel betrachten.
Was ist ein Trigger?
Ein Trigger im Kontext der Emotionen unserer Kinder bezieht sich auf einen Auslöser oder Reiz (wie z.B. ein Verhalten oder eine starke Emotion unseres Kindes) der starke emotionale Reaktionen oder (unbewusste) Erinnerungen an eigene Kindheitsverletzungen und ungelöste Emotionen bei uns als Eltern hervorrufen kann. Wir reagieren dann nicht mehr werteorientiert und achtsam, sondern rutschen in automatische Reaktionsmuster zurück. Sind vielleicht nicht mehr die geduldigen und einfühlsamen Eltern, die wir gerne wären. In solchen Momenten geraten wir sozusagen in eine emotionale Zeitschleife, in der wir auf unsere Vergangenheit reagieren und nicht auf das, was in der Gegenwart geschieht.
Wutanfälle, Ängste oder das Weinen unseres Kindes können Triggersituationen sein, die bei uns als Eltern ähnliche Emotionen wie Wut, Hilflosigkeit oder Angst hervorrufen. Wenn Kinder ihre Emotionen ausdrücken, kann das bei uns als Erwachsenen ebenfalls dazu führen, dass wir stark emotional reagieren. Wir sind dann nicht mehr in der Lage, uns einzufühlen in das, was unser Kind fühlt, sondern geraten selbst in eine Notlage, reagieren vielleicht selbst wütend, enttäuscht, hilflos oder panisch.
Die Wut deines Kindes löst bei dir ebenfalls Wut aus? Die Trauer deines Kindes löst bei dir Hilflosigkeit aus? Seine Angst erzeugt bei dir ebenfalls eine große Angst und Sorgen?
Wenn wir verstehen lernen, was uns triggert, können wir bewusster auf unsere Kinder reagieren.
Dr. Laura Markham
5 Gründe, warum die Gefühle deines Kindes dich triggern können:
1. Unbewusste eigene Emotionen
Oftmals wurden unsere Gefühle, als wir selbst Kinder waren, nicht so begleitet, wie wir es gebraucht hätten, um zu lernen, auf eine heilsame Weise mit ihnen umgehen zu können. Vielleicht wurden wir abgelenkt, vielleicht abgelehnt oder vielleicht sogar beschämt für das, was wir gefühlt und zum Ausdruck gebracht haben. Wir haben dann diese Emotionen nicht verarbeiten können, und so stecken diese nicht-gefühlten Gefühle immer noch – auf unbewusster Ebene – in unserem System fest. Und können dann wunderbar durch die starken Gefühle unserer Kinder wieder aktiviert werden.
Unsere unbewussten und ungelösten eigenen Emotionen lassen uns manchmal regelrecht explodieren. Oder wir fühlen uns überfordert, erschöpft. Schuldig. Häufig verstehen wir nicht, warum wir so stark reagieren, weil wir eben den Zugang zu unseren verletzten Anteilen verloren haben. Wir versuchen an der Oberfläche zu korrigieren, versuchen unser Verhalten zu ändern, zu kontrollieren. Wichtig ist jedoch, eine Ebene tiefer anzusetzen, bei unseren Emotionen.
Aber da wir diese verdrängt haben, haben wir keinen bewussten Zugang zu ihnen. Und können deswegen auch nicht bewusst auf sie reagieren. Welch eine Herausforderung!
Der erste wichtige Schritt ist hier also, sich die eigenen Emotionen und die damit zusammenhängenden Reaktionsmuster bewusst zu machen.
Hilfreich können hier Achtsamkeitsübungen sein, in denen du lernst, dich in Triggersituationen zu beobachten und einfach erst einmal wahrzunehmen, was gerade geschieht. Auch das Führen eines Emotionstagebuchs kann sehr hilfreich sein, um sich seiner Emotionen wieder bewusst zu werden. Wenn du noch tiefgehendere Unterstützung wünschst, ist eine therapeutische Begleitung das Richtige für dich.
Reflektionsfragen
Welche Gefühle werden bei mir ausgelöst, wenn mein Kind starke Emotionen zeigt?
Welche Emotionen meines Kindes kann ich gut begleiten, bei welchen fällt es mir schwerer?
2. Das Bedürfnis nach Kontrolle
Die intensiven Emotionen unserer Kinder können bei uns als Eltern Gefühle der Hilflosigkeit, Ohnmacht und Schuld hervorrufen. Um nicht mit diesen Emotionen konfrontiert zu werden, bauen wir oft eine Alltagsstruktur auf, in der wir uns sicher fühlen. Kinder neigen jedoch dazu, diese Strukturen zu hinterfragen. Das führt dazu, dass wir das Gefühl haben, die Kontrolle zu verlieren, was sich beängstigend und extrem überfordernd anfühlen kann.
Und so stehen wir den starke Emotionen unserer Kinder oft hilflos gegenüber. Sie sind groß, sie sind überwältigend und sie lassen sich nicht kontrollieren. Wenn uns hier das Wissen fehlt, wie wir am besten mit den Gefühlen unserer Kinder umgehen können, sind wir schnell überfordert und versuchen, den Ausdruck dieser überwältigenden Gefühle bei unseren Kindern zu unterbinden, um uns weniger hilflos zu fühlen. In der Situation gelingt es dann zwar, für uns dieses Gefühl von Sicherheit wieder herzustellen, aber um den Preis, dass wir die Verbindung zu unserem Kind belasten und unserem Kind die Möglichkeit nehmen, einen heilsamen Umgang mit seinen Emotionen zu erlernen.
Hier ist es hilfreich, sich Wissen über die Emotionen unserer Kinder anzueignen und zu lernen, wie wir sie gut begleiten können. Auf diese Weise können wir unser Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrolle erfüllen, indem wir lernen, unsere Kinder auf einfühlsame und achtsame Weise durch ihre Gefühlsstürme zu begleiten.
Reflektionsfragen
In welchen Situationen fühle ich mich im Kontakt mit meinem Kind besonders hilflos oder habe das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren?
Welche Emotionen verursachen bei mir ein Gefühl von Hilflosigkeit und welche nicht?
3. Die eigene emotionale Biografie
Der Umgang mit den Emotionen deines Kindes spiegelt oft deine eigene Reaktion auf deine eigenen Emotionen wider, die du in deiner emotionalen Biografie erlernt hast, je nachdem, wie in deiner Herkunftsfamilie und Gesellschaft mit verschiedenen Emotionen umgegangen wurde. Wie gehst du also mit deinen eigenen Emotionen um? Das variiert vermutlich je nach Emotion. Vielleicht erlaubst du dir den Ausdruck von Trauer, aber nicht den Ausdruck von Wut. Oder du erlaubst dir den Ausdruck von Wut, aber nicht den Ausdruck von Angst.
Hierbei geht es stark darum, deine eigene emotionale Biografie zu hinterfragen. Welche Glaubenssätze hast du bezüglich einzelner Emotionen? Wurde dir der Ausdruck erlaubt? Entstehen möglicherweise eigene Ängste und Sorgen, wenn dein Kind Angst zeigt? Möchtest du es vielleicht beruhigen und versuchst daher, seine Angst wegzureden? Wie gehst du mit deiner eigenen Angst um? Welche Stimmen hörst du in deinem Kopf? Vielleicht: „Angst bedeutet Schwäche. Es ist nicht gut, Angst zu haben…“
Was sind deine üblichen Reaktionen auf die Emotionen deines Kindes? Wie reagierst du auf Trauer? Auf Wut? Auf Freude? Auf Angst? Auf Scham?
Die blinden Flecken unserer emotionalen Biografie können unsere Fähigkeit beeinträchtigen, ruhig und einfühlsam zu bleiben angesichts der starken Gefühle unserer Kinder.
Reflektionsfragen
Was sind deine üblichen Reaktionen auf die Emotionen deines Kindes?
Wie reagierst du auf Trauer? Auf Wut? Auf Freude? Auf Angst? Auf Scham?
Welches sind deine Glaubenssätze in Bezug auf die unterschiedlichen Emotionen?

4. Erwartungen und Gesellschaftsdruck
Als Eltern haben wir oft bestimmte Erwartungen an das Verhalten unserer Kinder, sei es in der Öffentlichkeit oder zu Hause. Das betrifft auch den Ausdruck von Emotionen.
Vielleicht fällt es dir ja recht leicht, einen Wutausbruch deines Kindes zu Hause liebevoll zu begleiten – in der Öffentlichkeit, z.B. im Supermarkt, bringt er dich aber ganz schön ins Schwitzen, denn du hast Angst, von den anderen Menschen beurteilt zu werden. Oder vielleicht stört es dich auch, dass sich andere ungefragt einmischen.
Vielleicht wurde an dich auch als Kind die Erwartung herangetragen, anderen Menschen nicht zur Last zu fallen, nicht aufzufallen. Also hast du gelernt, deine Emotionen in der Öffentlichkeit zu verbergen, und erwartest das jetzt – ob bewusst oder unbewusst – auch von deinem Kind.
Wenn diese Erwartungen nicht erfüllt werden und unsere Kinder starke Gefühle zeigen, können wir uns selbst in Frage stellen oder befürchten, von anderen beurteilt zu werden. Dieser Druck verstärkt oft unsere eigenen emotionalen Reaktionen. Häufig sind das Schuld- und Schamgefühle.
Der Druck, die Erwartungen zu erfüllen und den gesellschaftlichen Vorstellungen von erfolgreicher Elternschaft (oder je nachdem auch in welcher Bubble wir uns befinden) zu entsprechen, verstärkt unsere eigenen Emotionen wie Frustration oder Unsicherheit.
Erwartungen und Gesellschaftsdruck können unsere Fähigkeit beeinträchtigen, ruhig und einfühlsam gegenüber den Gefühlsstürmen unserer Kinder zu bleiben. Es ist wichtig, sich dessen bewusst zu sein und gleichzeitig zu erkennen, dass es normal ist, als Eltern bestimmte Erwartungen zu haben. Trotzdem dürfen wir lernen, unsere eigenen Erwartungen zu hinterfragen und abzustimmen mit unseren eigenen, persönlichen Werten.
Hier dürfen wir uns, unser Kind und unsere Beziehung an die erste Stelle setzen und mehr Vertrauen in uns und unser Elternsein bekommen, indem wir lernen, uns auf unser eigenes Gespür und inneres Wissen zu verlassen.
Reflektionsfragen
Welche Erwartungen habe ich an das Verhalten und den emotionalen Ausdruck meines Kindes?
Wie reagiere ich, wenn diese Erwartungen nicht erfüllt werden und mein Kind starke Emotionen zeigt?
5. Das Bedürfnis nach Ruhe und Harmonie
Eltern sind heutzutage extrem gefordert, und auch unsere Kinder sind extrem gefordert. Beinahe alles ist dem 8-Stunden-Arbeitstag unterworfen. Wir fangen schon früh wieder an zu arbeiten, unsere Kinder gehen oft schon mit einem Jahr für acht Stunden in die Fremdbetreuung. Das führt verständlicherweise zu viel Erschöpfung auf beiden Seiten und dem Wunsch, zu Hause einen Ort zu haben, an dem wir zur Ruhe kommen und wieder auftanken können nach einem langen, anstrengenden Tag – der Wunsch nach Ruhe und Harmonie.
Allerdings sind unsere Kinder nach langer Fremdbetreuung darauf angewiesen, ihr Bindungsbedürfnis wieder aufzufüllen und fordern das vehement ein. Auch haben sich in Kita und Schule oft Emotionen angestaut, die jetzt endlich zu Hause in der Sicherheit von Mama und Papa zum Ausdruck kommen wollen. Wir sind gefordert, die Gefühlsausbrüche unserer Kinder zu begleiten, und das ist anstrengend, besonders da wir selbst erschöpft und am Limit sind. Oftmals befinden wir uns schon außerhalb unseres Stresstoleranzfensters.
Dazu kommen bei mehreren Kindern noch Geschwisterkonflikte hinzu, immer und immer wieder, und zehren zusätzlich an unseren Nerven, gerade da wir selbst am Limit sind und unser großer Wunsch Ruhe ist – und damit bitte keine großen Gefühle. Als Eltern wollen wir oft, dass unsere Familie harmonisch und friedvoll ist.
Hier ist es wichtig, dass wir uns gut um uns selbst kümmern, denn je mehr Ressourcen wir haben, desto besser können wir die Gefühlsstürme unserer Kinder begleiten. Umso eher schaffen wir es, innerhalb unseres Stresstoleranzfensters zu bleiben und uns selbst gut zu regulieren und gelassen zu bleiben.
Reflektionsfragen
In welchen Situationen fühle ich mich gestresst oder überfordert, wenn die starken Emotionen meines Kindes meinem Bedürfnis nach Ruhe entgegenstehen?
Was brauche ich und wie kann ich gut für mich sorgen, um einfühlsam auf die Emotionen meines Kindes und seinen Bedürfnis nach Bindung eingehen zu können?
Was kannst du tun, wenn die Gefühle deines Kindes dich triggern?
Du kannst…
- … dir bewusst machen, warum du so stark auf die Gefühle deines Kindes reagierst.
- … herausfinden, welche emotionalen Muster und unerfüllten Bedürfnisse deine Reaktionen auslösen.
- … Wege finden, deine Kinder gut durch ihre Emotionen zu begleiten, z.B. indem du dir Wissen aneignest.
- … dir Zeit für Selbstregulation und Achtsamkeit nehmen, um in stressigen und emotional herausfordernden Momenten gelassen zu bleiben.
- … dir gegebenenfalls Unterstützung von einer Therapeutin oder einem Coach holen, um die zugrunde liegenden Ursachen deiner Reaktionen zu verstehen und zu transformieren.
Abschließende Gedanken
Wir dürfen unseren Blick wieder mehr auf uns und unser Verhalten, auf unsere Reaktionen richten, und damit beginnen, uns und unser emotionales Gewordensein zu verstehen. Und unsere Kinder und all die emotionalen Herausforderungen als Gelegenheit verstehen, gemeinsam zu wachsen. Eigene Verletzungen aufzuarbeiten und so immer mehr Vertrauen und Sicherheit in uns und unser ElternSein zu gewinnen.
Und wie immer dürfen wir in diesem Prozess milde mit uns sein.
Denn nicht der Bruch ist das Entscheidende, sondern die Reparatur. Wir können immer wieder in Verbindung zu unseren Kindern gehen. Nach jedem Bruch haben dir die Möglichkeit, unsere Beziehung wieder zu reparieren, indem wir uns entschuldigen. Indem wir uns wieder für mehr Bewusstheit und Gelassenheit entscheiden. Und dafür, einfühlsam mit unseren Kinder – und auch mit uns selbst umzugehen.
