Gefühle begleiten ist emotionale Arbeit.
Die Begleitung der Gefühle unserer Kinder ist Arbeit – oftmals Schwerstarbeit. Denn wir werden mit so vielen eigenen unbewussten Themen und verdrängten Gefühlen konfrontiert, dass das Begleiten von Gefühlen unglaublich kräftezehrend sein kann.
Eine halbe Stunde, in der wir einen Gefühlssturm unseres Kindes begleiten, kann anstrengender sein als ein 8-Stunden-Arbeitstag.
Mit diesem Blogartikel möchte ich die emotionale Arbeit, die ein wesentlicher Teil unserer Care-Arbeit ist, ins Bewusstsein holen und auf ihren Wert hinweisen. Denn sie schafft eine tiefe Verbindung zwischen uns und unseren Kindern und lässt unsere Kinder in diesen Momenten Wichtiges fürs Leben lernen – nämlich Frustration auszuhalten und Gefühle zu regulieren.
Allerdings wird der Emotional Load genauso wenig wertgeschätzt wie der Mental Load und ist ähnlich unsichtbar.
Was emotionale Arbeit beinhaltet, was du alles leistest und wie die emotionalen Verantwortlichkeiten verteilt sind, werde ich in diesem Blogartikel näher betrachten.
Was ist Emotional Load?
Emotional Load (auch als emotionale Arbeit oder emotionale Last bezeichnet) umfasst die vielfältigen emotionalen Aufgaben und Anforderungen im Umgang mit Emotionen in unserem Familienalltag.
Der Begriff vermittelt die emotionale Anstrengung und das Engagement, die mit dem ElternSein, der Begleitung der Gefühle von Kindern sowie allen weiteren emotionalen Aufgaben im Familienkontext verbunden sind.
Wichtige Aspekte emotionaler Arbeit sind:
- Erkennen und Regulieren von Emotionen: Dies umfasst die Fähigkeit, sowohl die eigenen als auch die Emotionen anderer zu erkennen, zu verstehen, zu regulieren und angemessen darauf zu reagieren. Voraussetzung hierfür ist, dass wir emotional präsent sind und unsere eigenen Emotionen regulieren können.
- Einfühlen in die Gefühle anderer: Emotionale Arbeit erfordert Empathie und die Fähigkeit, sich in die Gefühle und Erlebenswelten anderer Menschen hineinzuversetzen. Nur so können wir feinfühlig auf die Bedürfnisse und Emotionen anderer eingehen.
- Emotionale Unterstützung: Dazu gehören im Familienalltag das Trösten und Begleiten von Frustration sowie die Unterstützung in herausfordernden Momenten. Beispiele sind das achtsame Gestalten von Übergängen – sei es die Einschlafbegleitung, der Start in Kita oder Schule, Umzüge usw. Es erfordert, die emotionalen Bedürfnisse aller bewusst wahrzunehmen und darauf einzugehen.
- Wahrnehmen und Benennen von Gefühlen: Ein zentraler Teil der emotionalen Arbeit ist es, die Gefühle der Kinder und anderen Familienmitglieder bewusst wahrzunehmen und die richtigen Worte dafür zu finden.
- Das Trösten und emotionale Präsentsein: Ob kleine Enttäuschungen oder große Herausforderungen – emotionale Arbeit bedeutet, in diesen Momenten des Alltags Halt zu geben, Trost zu spenden und da zu sein.
- Aushalten und Begleiten von Gefühlsstürmen: Ob es sich um Wutanfälle, Traurigkeit oder andere intensive Emotionen handelt, es erfordert Geduld und innere Stärke, diese Gefühlsstürme auszuhalten und feinfühlig zu begleiten.
- Bewältigung von Konflikten: Geschwisterkonflikte oder andere familiäre Spannungen feinfühlig zu begleiten und vorausschauend anzugehen, ist ebenfalls Teil der emotionalen Arbeit. Dafür brauchen wir eine offene Haltung, Empathie, gute Regulationsfähigkeiten, Geduld und die Fähigkeit, passende Worte zu finden.
Emotional Load umfasst folglich alles, was du am Tag an Emotionen wahrnimmst, erlebst, begleitest und regulierst.
Das beinhaltet das Trösten und Begleiten der großen und kleinen Gefühle deines Kindes, das Regulieren deiner eigenen Gefühle, die Co-Regulation sowie die Vermittlung in Konflikten zwischen Geschwistern, das Wahrnehmen von Bedürfnissen und das Eingehen darauf, usw.
Diese emotionale Arbeit ist oft unsichtbar, und wer diese emotionalen Aufgaben übernimmt, wird für das Tragen dieser Verantwortung oft noch nicht ausreichend gesehen, anerkannt oder wertgeschätzt.

Warum ist emotionale Arbeit oft so anstrengend?
Wenn mein kleiner Sohn einen langanhaltenden Wutanfall hat oder ich in einem eskalierenden Streit zwischen den Geschwistern vermitteln muss, bin ich hinterher oft tief erschöpft. Denn was leiste ich in diesem Moment? Ich würde sagen: emotionale Schwerstarbeit.
Ich muss mich in diesen Momenten selbst regulieren, werde mit eigenen verdrängten Emotionen konfrontiert und habe vielleicht hinterher sogar Schuldgefühle, weil ich nicht so reagiert habe, wie ich es mir gewünscht hätte.
Mach dir bitte auch einmal bewusst, was du leistest, wenn du die Gefühle deines Kindes begleitest:
Während du die Gefühle deines Kindes begleitest, bist du vermutlich selbst emotional stark gefordert.
Zunächst einmal musst du dich selbst regulieren. Das bedeutet, dass du versuchst, ruhig und gelassen zu bleiben, obwohl du möglicherweise selbst von Emotionen wie Ärger, Frustration oder Hilflosigkeit überwältigt bist. Diese Selbstregulierung erfordert große emotionale Anstrengung und kann sehr erschöpfend sein, insbesondere wenn du selbst einen anstrengenden Tag hinter dir hast und dein Bedürfnis nach Ruhe und Harmonie groß ist.
Darüber hinaus wirst du oft mit eigenen verdrängten Emotionen konfrontiert. Situationen, in denen dein Kind wütend ist, frustriert oder weint, können Erinnerungen oder Emotionen aus deiner eigenen Kindheit oder Vergangenheit hervorrufen, die du möglicherweise selbst nicht vollständig verarbeitet hast. Dies kann zusätzlichen emotionalen Druck erzeugen und zu Gefühlen von Überforderung und Hilflosigkeit führen.
Nach solchen Momenten können auch Schuldgefühle auftreten. Du könntest dich fragen, ob du richtig reagiert hast, ob du geduldig genug warst oder ob du etwas hättest besser machen können. Diese Schuldgefühle können zusätzlichen emotionalen Stress verursachen.
Wenn du dich bewusst für den Weg des bewussten ElternSeins entschieden hast und die Gefühle deiner Kinder feinfühlig begleiten möchtest, erfordert dies zudem, dass du aufmerksam die emotionalen Signale deiner Kinder wahrnimmst und bei Bedarf darauf eingehst. Diese kontinuierliche emotionale Verfügbarkeit ist wichtig, kostet jedoch ebenfalls viel Energie.
Emotional Load: Wie ist die Verantwortung verteilt?
Genauso wie den Großteil des Mental Loads in einer Familie nach wie vor überwiegend die Frauen tragen, ist dies auch beim Emotional Load häufig der Fall.
Frauen sind oft diejenigen, die die Stimmungen und Bedürfnisse der Kinder wahrnehmen und darauf reagieren – sei es bei einem Wutanfall, einer Enttäuschung oder dem Bedürfnis nach Trost. Sie sind es häufig auch, die die Emotionen ihrer Kinder regulieren und beruhigen, die sich die Zeit nehmen, nach einem Streit zwischen Geschwistern zu vermitteln und versuchen, Konflikte zu lösen oder ihnen vorzubeugen.
Doch auch immer mehr Väter engagieren sich, um den emotionalen Bedürfnissen ihrer Kinder gerecht zu werden und eine unterstützende Rolle zu spielen. Sie nehmen sich Zeit, um Konflikte zu klären und sich in die emotionale Entwicklung ihrer Kinder einzubringen. Immer mehr Väter wünschen sich, stärker ins emotionale Familienleben eingebunden zu werden und engagieren sich aktiv.
Wie ist das bei euch? Habt ihr in eurer Familie eine Aufteilung der emotionalen Arbeit gefunden, die für alle stimmig ist?
Nimm gerne diesen Blogartikel zum Anlass, diese Fragen in eurer Familie zu reflektieren und offen über die Verteilung der emotionalen Verantwortung zu sprechen:
Impulsfragen
- Welche emotionalen Aufgaben leistet ihr jeden Tag?
- Wie sind diese emotionalen Aufgaben bei euch in der Familie verteilt?
- Wie hat es sich so ergeben, dass die Aufgaben so verteilt sind?
- Ist das für euch so stimmig oder würdet ihr gerne etwas daran ändern?
Den Emotional Load sichtbar machen
Indem wir die Begleitung der Gefühle als wertvolle Arbeit anerkennen, die den Einsatz unserer Energie und unseres Engagements erfordert, können wir diese Aufgaben sichtbar machen und Verantwortlichkeiten aufteilen.
Es ist wichtig, uns für das zu wertschätzen, was wir jeden Tag leisten.
Und vielleicht geht es ja gar nicht darum, die emotionalen Verantwortlichkeiten genau 50/50 aufzuteilen. Aber indem wir sie als wichtige Aufgaben innerhalb des ElternSeins anerkennen, können sie Teil der Verantwortlichkeiten werden, über deren Verteilung wir bewusst entscheiden.
Und wie bei allem im Leben können Verantwortlichkeiten flexibel gehandhabt werden. Wenn du zum Beispiel einen anstrengenden Tag hattest, könntest du deinen Partner, deine Partnerin oder andere Bezugspersonen bitten, die emotionalen Aufgaben zu übernehmen.
Abschließende Gedanken
Es ist wichtig anzuerkennen, dass die Begleitung der Gefühle unserer Kinder eine herausfordernde Aufgabe ist, die viel emotionale Energie erfordert. Die unzähligen kleinen Momente emotionaler Arbeit, die sich über den Tag hinweg summieren, können uns erschöpft zurücklassen und den Abend herbeisehnen lassen, wenn die Kinder endlich im Bett sind. Emotionale Arbeit ist meiner Meinung nach der herausforderndste Teil unseres ElternSeins. Dafür dürfen und sollten wir uns wertschätzen.
Emotionale Verantwortlichkeiten sind in den meisten Familien nach wie vor ungerecht verteilt.
Deshalb ist es entscheidend, diese Aufgaben sichtbar zu machen – und auch sichtbar zu machen, wer welche emotionalen Aufgaben im Familienkontext übernimmt. Dadurch schaffen wir eine Grundlage, um bewusste Entscheidungen darüber zu treffen, wie wir diese Aufgaben zukünftig verteilen möchten.
Lasst uns bewusst Anerkennung zeigen für die emotionale Arbeit, die wir jeden Tag leisten.
