Überforderung
Was hinter diesem Gefühl steckt und wie du gut damit umgehen kannst.
Manchmal fühlt es sich an, als würde alles über einem zusammenbrechen:Du wachst morgens auf und fragst dich, woher du die Kraft nehmen sollst, diesen Tag zu überstehen. Erwartungen, Verantwortung und nicht enden wollende To-do-Listen bestimmen dein Leben. Der Wäscheberg wird eher größer als kleiner, die Kinder streiten, und obendrein geht dir auch noch deine Lieblingstasse kaputt. In solchen Momenten fühlt es sich so an, als wäre alles zu viel. Vielleicht willst du dich einfach nur verkriechen – oder du wirst wütend und reagierst heftiger, als du möchtest.
Überforderung – dieses Gefühl kennen alle Eltern, besonders Mütter, nur zu gut. Doch was genau passiert eigentlich, wenn wir uns überfordert fühlen? Und wie können wir einen guten Umgang damit finden?
Was ist Überforderung wirklich?
Um als Eltern konstruktiv mit Überforderung umgehen zu können, ist es wichtig, zuerst zu verstehen, was Überforderung eigentlich ist.
Denn Überforderung scheint erst einmal schwer greifbar. Es ist eher ein diffuses Gefühl, es fühlt sich an, als würde das Leben uns überwältigen. Alles scheint zu viel zu sein. Wir fühlen uns wie in einem Strudel, der uns mitreißt und wir haben das Gefühl, der Situation hilflos ausgeliefert zu sein. Wir können nicht mehr sehen und erkennen, was wir eigentlich bräuchten und was wir aktiv dafür tun können.
In der emotionsfokussierten Therapie wird Überforderung oft als sekundäre Emotion verstanden. Das bedeutet, sie verdeckt tiefere, grundlegende Gefühle und erschwert dadurch einen guten Umgang mit der Situation. Denn erst, wenn wir Zugang zu diesen darunterliegenden Emotionen finden, können wir die damit verbundenen Bedürfnisse erkennen und so aus der Überforderungsspirale aussteigen.
Überfordert als Eltern: Die Emotionen dahinter
Um einen guten Umgang mit deiner Überforderung finden, ist es wichtig, zuerst die dahinter liegenden Emotionen (Primäremotionen) zu erkennen, um dadurch Zugang zu den dazugehörigen Bedürfnisse zu bekommen.
Folgende Emotionen können hinter dem Gefühl der Überforderung liegen:
Angst
Die Angst, den Anforderungen des ElternSeins nicht gerecht zu werden, ist stark belastend. Das kann die Angst vor Kontrollverlust sein, die Sorge, keine gute Mutter, ein guter Vater zu sein oder den eigenen Ansprüchen nicht zu genügen. Vielelicht kennst du diese Gedanken: „Was, wenn ich etwas falsch mache?“ oder „Was, wenn ich nicht (gut) genug bin?“ Auch die Angst vor negativer Bewertung durch andere oder davor, abgelehnt zu werden, wenn man nicht alle Bedürfnisse erfüllt, kann eine Angst sein, die hinter der Überforderung steckt.
Hilflosigkeit
Hilflosigkeit entsteht, wenn wir das Gefühl haben, die Kontrolle über eine Situation vollständig zu verlieren. Wir fühlen uns ohnmächtig und glauben, unser Leben nicht aktiv gestalten zu können. Gedanken wie „Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll“ oder „Ich kann einfach nichts richtig machen“ verstärken dieses Gefühl. Oft geht Hilflosigkeit mit der Wahrnehmung einher, in einem Kreislauf aus Anforderungen und Versagen gefangen zu sein, aus dem es scheinbar keinen Ausweg gibt.
Frustration
Frustration entsteht häufig durch den Wunsch, alles perfekt machen zu wollen, und das wiederholte Scheitern an den eigenen hohen Ansprüchen. Es kann frustrieren, wenn die eigenen Bemühungen nicht anerkannt werden oder wenn man das Gefühl hat, alles allein bewältigen zu müssen. Frustration entsteht aber auch aus Strukturen, in denen wir uns gesellschaftlich bewegen – der Doppelbelastung aus Care- und Lohnarbeit und dem Eindruck, nichts und niemandem ganz gerecht zu werden. Vielleicht am wenigsten uns selbst gegenüber. Fehlende Unterstützung oder das Gefühl, ständig gegen Widerstände anzukämpfen, können das Gefühl von Frustration noch verstärken.
Wut
Wut entsteht oft aus dem Gefühl, dass die eigenen Bedürfnisse ständig zurückgestellt werden müssen. Es kann wütend machen, wenn man sich allein gelassen fühlt oder das Gefühl hat, dass andere – beispielsweise der Partner oder die Partnerin – nicht genug unterstützen. Auch der Eindruck, dass Kinder Grenzen überschreiten oder Erwartungen nicht erfüllen, kann Wut auslösen. Diese Wut richtet sich manchmal nach außen („Warum hilft mir keiner?“), manchmal aber auch nach innen: „Warum schaffe ich das nicht?“ oder „Warum bin ich nicht geduldiger?“
Schuldgefühle
Schuldgefühle begleiten viele Eltern, die sich überfordert fühlen. Sie entstehen durch den Anspruch, eine perfekte Mutter oder ein perfekter Vater sein zu wollen. Gedanken wie „Ich hätte mehr Geduld haben müssen“ oder „Ich tue nicht genug für mein Kind“ führen zu Selbstvorwürfen. Schuldgefühle verstärken sich oft, wenn Eltern das Gefühl haben, dass ihre Fehler langfristige Auswirkungen auf ihre Kinder haben könnten. Diese Emotion kann Eltern zusätzlich lähmen und in einem Kreislauf von Überforderung und Selbstkritik gefangen halten.
Scham
Scham entsteht, wenn wir denken, dass wir nicht gut genug sind, weil wir unsere tagtäglichen Herausforderungen nicht so meistern, wie wir es uns wünschen oder auch wie es uns aus dem Außen (z.B. Instagram) suggeriert wird. Wir beginnen, uns zu vergleichen („Andere schaffen das doch auch, warum ich nicht?). Scham führt oft dazu, dass Eltern sich zurückziehen und vermeiden, über ihre Gefühle zu sprechen. Dieser Rückzug erschwert es, Unterstützung oder Verständnis von anderen zu erhalten, was das Gefühl der Überforderung weiter verschlimmert.
Mit Focusing die Emotion hinter der Überforderung erkennen
Oftmals ist es gar nicht so leicht, wirklich zu erkennen, welche Emotion – oder auch welche Emotionen – denn hinter der Überforderung stecken.
In meiner Begleitung arbeite ich sehr gerne mit Focusing. Eine wirkungsvolle Methode aus der emotionsfokussierten Therapie, entwickelt von Eugene Gendlin. Focusing kann dabei helfen, das diffuse Gefühl der Überforderung greifbar zu machen.
Es basiert auf der Idee, dass jedes Gefühl im Körper einen Ausdruck findet. Dieses körperliche Gespür wird Felt Sense genannt. Du bekommst Zugang dazu, indem du dich deinem Körper und dem, was du fühlst, zuwendest.
Warum ist Focusing so hilfreich? Gerade bei Überforderung fühlen wir uns oft überwältigt, ohne klar greifen zu können, warum genau.
Mit den folgenden fünf Schritten kannst du Überforderung auf sanfte Weise greifbar machen und einen Zugang zu dir selbst finden.
Anleitung: In fünf Schritten zu mehr Klarheit
Hier zeige ich dir Schritt für Schritt, wie du damit arbeiten kannst:
- Zeit für dich: Setz dich hin, schließe die Augen und atme tief durch. Spüre, wie dein Körper Kontakt mit dem Stuhl hat und lenke deine Aufmerksamkeit dann langsam nach innen, in deinen Körper.
- Innere Aufmerksamkeit: Frage dich: „Wo spüre ich die Überforderung in meinem Körper?“ Vielleicht ist es ein Druck in der Brust, ein Knoten im Magen oder ein Ziehen in den Schultern. Beobachte einfach, was da ist, ohne es zu bewerten.
- Beschreibe, was du fühlst: Finde Worte oder Bilder für das Gefühl. Es könnte sein: „Es fühlt sich dunkel an, irgendwie formlos, als wäre es in Bewegung und ich kann es nicht richtig greifen. Ich spüre Schwindel, als wäre es wie ein Strudel, der mich in sich hineinziehen möchte.“ Versuche, das Gefühl so genau wie möglich zu benennen. Nimm dir hier wirklich Zeit, bis sich der Name wirklich stimmig anfühlt.
- Neugierig erkunden: Frage: „Was möchte mir dieses Gefühl sagen?“ Vielleicht erinnert es dich an eine Situation aus deiner Kindheit, oder es oder zeigt dir, was du jetzt brauchst. Vertraue hier dem, was sich spontan zeigen möchte.
- Sanfte Begleitung: Lass das Gefühl da sein, ohne es wegzudrücken. Oft verändert es sich allein dadurch, dass du es einfach wahrnimmst.
Überforderung als Einladung zum Nach-Innen-Lauschen
Focusing braucht Übung. Je öfter du dich nach innen wendest, desto leichter wird es dir mit der Zeit fallen. Gerade bei diffusen, schwer greifbaren Gefühlen wie der Überforderung ist es sehr hilfreich, da es dir wieder mehr Klarheit und damit mehr Sicherheit schenken, und dich aus dem Gefühl der Ohnmacht und Überforderung herausholen kann. Du wirst viel klarer spüren, was du brauchst, und dadurch wird es dir leichter fallen, dafür einzustehen und dir aktiv Unterstützung zu suchen.
Überforderung ist kein Zeichen von Schwäche – sie ist eine Einladung, innezuhalten und dir selbst zuzuhören. Mit Focusing kannst du die Schichten der Überforderung entwirren und wieder klar spüren, was du wirklich brauchst.
