In meiner therapeutischen Arbeit darf ich immer wieder erleben, wie heilsam es ist, wenn wir in unseren Gefühlen validiert werden – wenn wir also von anderen in unserem inneren Erleben wirklich gesehen und verstanden werden. Das ist ein wichtiger Bestandteil meiner therapeutischen Begleitung – und es ist etwas, das vielen von uns als Kind oft gefehlt hat.
Häufig erleben wir als Erwachsene erstmals in therapeutischen Settings, mit all unseren Gefühlen gesehen und angenommen zu werden.
In meiner Arbeit orientiere ich mich dabei an dem Modell der Gefühlvalidierung von Marsha Linehan. Ich möchte es dir in diesem Artikel gerne vorstellen, weil es auch uns als Eltern Orientierung und Sicherheit im Umgang mit den großen und kleinen Gefühlen unserer Kinder geben kann.
Was bedeutet „Gefühle validieren“?
„Gefühle validieren“ bedeutet, die Gefühle unseres Gegenübers wirklich zu sehen und zu versuchen, sie zu verstehen. Dabei geht es nicht darum, die Gefühle unbedingt zu teilen, sie als „richtig“ zu bewerten oder sie nachvollziehen zu können.
Vielmehr geht es darum, das emotionale Erleben des anderen in der jeweiligen Situation zu respektieren und ihm zu vermitteln, dass er mit seinen Empfindungen gesehen und angenommen wird.
Für Kinder – aber auch für Erwachsene – ist es unglaublich heilsam, wenn Gefühle nicht minimiert, abgelehnt, bewertet oder ignoriert werden, sondern ihnen stattdessen Raum gegeben wird und sie da sein dürfen. Oft reicht ein einfaches „Ich sehe, dass du gerade sehr wütend bist. Das kann ich verstehen“, um sich im eigenen Erleben gesehen und angenommen zu fühlen. Die Validation von Gefühlen ist zutiefst heilsam – und etwas, das in unserer Gesellschaft noch viel zu wenig stattfindet.
Was „Gefühle validieren“ nicht bedeutet
Gefühle validieren bedeutet nicht, jeden Wunsch des Kindes zu erfüllen, damit es möglichst keine Frustration erfährt. Es bedeutet nicht, es von unangenehmen Gefühlen fernzuhalten oder zu versuchen, dass diese möglichst schnell wieder verschwinden. Und es bedeutet auch nicht, jedes Verhalten des Kindes gutheißen zu müssen. Vielmehr geht es darum, das emotionale Erleben des Kindes als richtig und wertvoll anzuerkennen – ohne zu versuchen, sogenannte „negative“ Gefühle und Frustration zu vermeiden.
Es ist wichtig, dass wir als Eltern unsere Führungsrolle auf liebevolle Weise einnehmen. Denn das Erleben und Begleiten von Gefühlen ist zugleich ein großes Lernfeld und eine Chance, deinem Kind zu vermitteln, wie das Leben in Gemeinschaft funktioniert und wie es mit Frustration umgehen kann.
Wie validiert man Gefühle?
Das Modell der Gefühlsvalidierung von Marsha Linehan
Marsha Linehan, die Begründerin der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT), entwickelte das Modell der Gefühlsvalidierung, um Menschen zu helfen, ihre eigenen Emotionen und die Emotionen anderer besser zu erkennen, zu verstehen und zu akzeptieren. Es wird häufig in der therapeutischen Begleitung eingesetzt und kann uns als Eltern gleichzeitig wertvolle Impulse geben.
Das Modell umfasst folgende sechs Stufen:
1. Zuhören und Präsenz zeigen
- Modell: Die erste Stufe der Validierung besteht darin, wirklich zuzuhören und dem anderen zu zeigen, dass man da ist. Es geht darum, sich voll und ganz auf das Gegenüber zu konzentrieren, ohne abzulenken oder zu bewerten.
- Für Eltern: Das bedeutet, dem Kind volle Aufmerksamkeit zu schenken, wenn es etwas fühlt oder mitteilen möchte. Man legt das Handy weg, schaut das Kind an und signalisiert, dass seine Worte und Gefühle wichtig sind. Diese aufmerksame Präsenz gibt dem Kind das Gefühl, gehört und gesehen zu werden, was allein oft schon beruhigend wirkt.
2. Verständnis zeigen (Reflektieren)
- Modell: Auf dieser Stufe wird reflektiert und das Gesagte wiederholt oder zusammengefasst. So zeigt man dem Gegenüber, dass seine Gefühle verstanden wurden.
- Für Eltern: Eltern können die Emotionen des Kindes „zurückspiegeln“, indem sie wiederholen, was das Kind gesagt hat, oder das Gefühl in Worte fassen. Zum Beispiel: „Du bist gerade richtig traurig.“ Dies hilft dem Kind zu verstehen, dass seine Gefühle wahrgenommen und akzeptiert werden, was ein Gefühl von Sicherheit schafft.
3. Gefühle als nachvollziehbar anerkennen
- Modell: Hier zeigt man Verständnis dafür, dass die Emotionen des anderen in der gegebenen Situation nachvollziehbar sind.
- Für Eltern: Eltern können ihrem Kind bestätigen, dass seine Reaktion verständlich ist. Zum Beispiel: „Es ist okay, dass du dich ärgerst, wenn das Spielzeug kaputt geht.“ Diese Bestätigung zeigt dem Kind, dass es in Ordnung ist, so zu fühlen, wie es sich fühlt, und dass es nicht „übertreibt“ oder „falsch“ reagiert. Dies fördert eine gesunde Selbstwahrnehmung.
4. Unerfahrenheit und Unwissenheit als Ursache anerkennen
- Modell: Diese Stufe erklärt, dass das Verhalten des anderen aus fehlender Erfahrung oder mangelndem Wissen resultieren kann.
- Für Eltern: Kinder haben oft Emotionen, die sie selbst noch nicht gut verstehen oder regulieren können, einfach weil ihnen die Erfahrung fehlt. Eltern können dies ansprechen, zum Beispiel: „Es ist ganz normal, dass es schwer für dich ist, so lange zu warten.“ Das hilft dem Kind, seine Gefühle in einen Kontext zu setzen und sich selbst besser zu verstehen, ohne sich schuldig oder „falsch“ zu fühlen.
5. Das Erleben in Bezug auf die Persönlichkeit und Geschichte der Person validieren
- Modell: Hier wird das emotionale Erleben im Kontext der Persönlichkeit oder Lebensgeschichte der Person betrachtet.
- Für Eltern: Eltern können das Erleben des Kindes mit seinen bisherigen Erfahrungen in Verbindung bringen. Zum Beispiel: „Ich weiß, dass du oft traurig bist, wenn Dinge nicht so laufen, wie du es dir vorstellst.“ So erkennen Eltern an, dass das Verhalten des Kindes ein Ausdruck seiner individuellen Persönlichkeit oder bisherigen Erfahrungen ist, was ihm hilft, sich besser zu verstehen.
6. Radikale Echtheit
- Modell: Die höchste Stufe der Validierung ist radikal echt und authentisch. Man bringt tiefe Empathie und Verständnis zum Ausdruck und lässt das Gegenüber fühlen, dass man seine Emotionen wirklich nachvollzieht.
- Für Eltern: Radikale Echtheit bedeutet für Eltern, dass sie ihre eigenen Gefühle ebenfalls einbringen, wenn es passend ist. Zum Beispiel könnten sie sagen: „Ich weiß genau, wie schwer es ist, wenn man so traurig ist.“ Das zeigt dem Kind, dass es nicht alleine ist und dass auch die Eltern ähnliche Gefühle kennen, was eine tiefe emotionale Verbindung schafft.
Wozu gibt es 6 Stufen in der Gefühlsvalidierung?
Die verschiedenen Stufen in der Gefühlsvalidierung helfen dir dabei, schrittweise auf die Emotionen deines Kindes einzugehen. Jede Stufe baut auf der vorherigen auf, sodass du die emotionale Begleitung deines Kindes an die Situation und Intensität der Gefühle anpassen kannst.
Stufenweise vorzugehen, hat mehrere Vorteile: Zum einen lernst du so nach und nach, wie du mit den Gefühlen deines Kindes umgehst, ohne direkt überfordert zu sein. Manchmal reicht es schon, einfach zu sagen „Ich sehe, dass du traurig bist.“ – das ist oft eine erste, wichtige Form der Anerkennung. In anderen Situationen, wenn die Gefühle intensiver sind, helfen dir die späteren Stufen, noch weiter ins Verstehen und Annehmen zu gehen.
Außerdem sind die Stufen eine gute Orientierung, wenn du mal nicht sicher bist, wie du reagieren sollst. Du hast eine Art „Landkarte“, die dir zeigt, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, auf die Gefühle deines Kindes zu reagieren. So kannst du flexibel darauf eingehen, was dein Kind gerade braucht – ob es nur eine kurze Bestätigung braucht oder vielleicht eine tiefere Unterstützung.
Indem du Schritt für Schritt vorgehst, entwickelst du eine stärkere Verbindung zu deinem Kind. Dein Kind fühlt sich wirklich gesehen und ernst genommen. Und je öfter du die einzelnen Stufen anwendest, desto natürlicher wird es dir vorkommen.
Kurz gesagt, die Stufen bieten dir eine einfache, aber wertvolle Struktur, die dir dabei hilft, die Gefühle deines Kindes achtsam zu begleiten und ihm zu zeigen, dass seine Emotionen wichtig sind – ganz egal, ob sie groß oder klein sind.

Invalidierung und Validierung der Gefühle deines Kindes am Beispiel des Zähneputzens
Hier ist ein Beispiel für die Situation „Zähneputzen“, die in vielen Familien für Herausforderungen sorgt und starke Gefühle auf beiden Seiten mit sich bringt.
Ich möchte dir gerne an diesem Beispiel den Unterschied zwischen Invalidierung und Validierung zeigen. Wir gehen an dem Beispiel alle sechs Stufen durch, und du kannst an ihnen erkennen, wie Einfühlsamkeit und Verständnis auf unserer Seite – oder eben Unverständnis und Nichtbeachtung von Gefühlen – sich stark in ihrer Wirkung unterscheiden können.
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Stufe |
Invalidierung |
Validierung |
|---|---|---|
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1 |
Invalidierung: Das Kind wird in seinem Ausdruck unterbrochen und seine Gefühle werden abgewertet, und das Kind fühlt sich alleine mit seinem Erleben. |
Eltern hören dem Kind ruhig zu, sind präsent und lassen es seine Gefühle ausdrücken. Validierung: Durch aktives Zuhören und volle Aufmerksamkeit fühlt sich das Kind ernst genommen und verstanden. |
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2 |
„Das ist doch gar nicht so schlimm!“ Invalidierung: Hier wird das Empfinden des Kindes heruntergespielt, was das Gefühl verstärken kann, dass seine Gefühle unwichtig sind. |
„Ich verstehe, dass du Zähneputzen nicht magst.“ Validierung: Die Eltern zeigen Verständnis für die Empfindung des Kindes. Dadurch fühlt es sich mit seinen Gefühlen akzeptiert und ernst genommen. |
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3 |
Invalidierung: Die Gefühle des Kindes werden als übertrieben dargestellt, was dem Kind das Gefühl gibt, dass es falsch empfindet. |
„Es gibt viele Kinder, die Zähneputzen nicht mögen. Du bist nicht allein damit.“ Validierung: Die Eltern normalisieren das Gefühl und zeigen, dass es in ähnlichen Situationen oft vorkommt. Das hilft dem Kind, sich nicht allein oder „unnormal“ zu fühlen. |
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4 | „Du musst dich halt daran gewöhnen, das gehört dazu.“ Invalidierung: Das Kind wird in seiner Unerfahrenheit ignoriert und seine Schwierigkeiten nicht ernst genommen, was Frustration verstärken kann. |
„Es ist normal, dass Zähneputzen noch schwer für dich ist. Du wirst sehen, dass es mit der Zeit einfacher wird.“ Validierung: Die Eltern anerkennen, dass das Kind noch Übung braucht, und geben ihm Zeit. So kann es sich sicher fühlen, weil es weiß, dass Schwierigkeiten normal sind und überwunden werden können. |
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5 | „Andere Kinder haben auch kein Problem damit!“ Invalidierung: Das Kind wird mit anderen verglichen, was sein persönliches Erleben herabsetzt und das Gefühl vermittelt, nicht gut genug zu sein. |
„Ich weiß, dass dir Zähneputzen oft schwerfällt, und das kann frustrierend sein.“ Validierung: Die Eltern erkennen an, dass das Kind vielleicht mehr Schwierigkeiten hat als andere, und zeigen Verständnis dafür. Das Kind fühlt sich dadurch in seiner Einzigartigkeit ernst genommen. |
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6 |
„Jetzt stell dich nicht so an! Zähneputzen ist wirklich nicht so schlimm.“ Invalidierung: Das Kind wird aufgefordert, sich „zusammenzureißen,“ was seine Gefühle abwertet und ihm das Gefühl gibt, dass es falsch empfindet. |
„Ich kann gut verstehen, wie unangenehm dir das Zähneputzen manchmal vorkommt. Auch ich habe Dinge, die mir schwerfallen, obwohl ich weiß, dass sie wichtig sind.“ Validierung: Die Eltern zeigen sich authentisch und teilen eigene Erfahrungen, was dem Kind das Gefühl gibt, dass es normal ist, Schwierigkeiten zu haben, und dass selbst Erwachsene damit zu kämpfen haben. |
Mit der Gegenüberstellung von Invalidierung und Validierung möchte ich dir noch einmal verdeutlichen, wie wichtig es ist, die Emotionen deines Kindes ernst zu nehmen – und wie eine bewusste Wortwahl einen gewaltigen Unterschied machen kann.
Wenn wir Kindergefühle invalidieren, erzeugen wir eine Distanz zwischen uns und unserem Kind. Der Konflikt wird sich entweder verschärfen, oder unser Kind gibt sich selbst auf und wird sich und sein Erleben als falsch empfinden. Wir sind dann nicht emotional miteinander verbunden. Wenn du die Gefühle deines Kindes jedoch validierst, seid ihr in Verbindung miteinander. Ihr seid nicht im Konflikt gefangen und könnt euren Kindern gleichzeitig vermitteln, wie sie gut mit ihren Gefühlen und herausfordernden Situationen umgehen können.
Gefühle validieren als innere Haltung
Gefühle validieren ist mehr als nur eine Methode – sie ist eine Haltung, die unseren Kindern vermittelt: Du bist mit all deinen Gefühlen willkommen. Das Modell darf dir Orientierung und Sicherheit geben, was letztendlich jedoch zählt, ist deine innere Haltung. Es ist ein großes Geschenk, das du deinen Kindern mit auf den Weg gibst – eine Haltung, die ihnen schon früh die heilsame Erfahrung vermittelt, für ihre Gefühle angenommen zu sein, statt diese erst als Erwachsene in therapeutischen Settings machen zu müssen.
Kostenfreies Kennenlerngespräch
Wenn du magst, kannst du in einem unverbindlichen Kennenlerngespräch herausfinden, ob meine Begleitung dich gerade auf deinem Weg unterstützen kann. Hier bist du willkommen mit allen deinen Fragen, Zweifeln und Herausforderungen.
Ich freue mich auf dich!
Herzlich, Katharina

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