Wie kann ich am besten mit den Gefühlen meines Kindes umgehen?
Unsere Kinder fühlen!
Wut, Trauer, Angst, Freude, … unsere Kinder fühlen. Jeden Tag sind wir als Eltern mit den großen und den kleinen Gefühlen konfrontiert, die im Alltag mit unseren Kindern unweigerlich auftauchen.
Denn Kinder fühlen intensiv und ihre Gefühle begleiten ihren und damit auch unseren Alltag von kleinen bis hin zu großen Dramen und von kleinen bis hin zu großen Freuden. Kinder verfügen über eine bunte und vielfältige Gefühlspalette, und drücken all die unterschiedlichen Gefühle lebendig aus.
Wie Kinder ihre Gefühle ausdrücken bringt uns oft an unsere Grenzen
Wenn unsere Kinder ihre Gefühle ausdrücken, geschieht dies oft auf eine Weise, die uns als Eltern an unsere Grenzen bringt, uns verunsichert und hilflos macht. Triggern die Emotionen unserer Kinder noch dazu unsere eigenen emotionalen Baustellen, sind wir häufig nicht mehr in der Lage, ruhig und besonnen zu reagieren.
Denn unsere Kinder wecken Emotionen in uns, die wir in dieser Art und in diesem Ausmaß, bevor wir Eltern wurden, gar nicht kannten.
Wir reagieren dann häufig automatisch und nicht mehr als die Mutter oder der Vater, die wir eigentlich sein wollen. Und haben danach ein furchtbar schlechtes Gewissen, häufig gepaart mit starken Schuldgefühlen.
Wie soll ich nur auf die Gefühle meines Kindes reagieren?
Wenn unser Kind sich vor Wut brüllend auf dem Boden wälzt, wenn es Angst hat, in die Schule zu gehen, wenn es untröstlich ist, weil das geliebte Haustier gestorben ist, sind das oft Momente, in denen wir uns selbst unsicher und hilflos fühlen und uns fragen, wie wir am besten auf die Gefühle unseres Kindes reagieren können.
Wie viel Raum sollen wir den Gefühlen geben? Ist es nicht vielleicht besser, sie abzulenken und auf andere Gedanken zu bringen? Oder die Gefühle zu ignorieren, die aus unserer Sicht nicht nachzuvollziehen sind?
Oder aber wir geben den Gefühlen unseres Kindes Raum, sind uns aber unsicher, wie wir uns am besten verhalten sollten.
Es geht also darum, einen Weg zu finden, unsere Kinder in ihrer emotionalen Entwicklung bestmöglich zu begleiten und zu unterstützen.
Wie das aber genau aussehen kann, ist uns oft nicht klar. Hier fehlt uns ein grundlegendes Wissen. welches der beste Umgang mit den unterschiedlichen Gefühlen unserer Kinder ist.
Gibt es überhaupt ein grundlegendes Wissen darüber, wie wir am besten mit unseren eigenen Gefühlen und den Gefühlen anderer umgehen können?
Ja, das gibt es!
Dieses grundlegende Wissen basiert auf wertvollen Erkenntnissen aus der Hirn- und Emotionsforschung. Es kann uns sehr anschaulich zeigen, was es braucht, um auf eine gesunde und emotional intelligente Weise mit den Gefühlen unserer Kinder umzugehen.
Und genau dieses Wissen kann uns zudem in herausfordernden Momenten helfen, indem wir uns darauf zurückbesinnen und unser Verhalten daran orientieren.

Ein gesunder Umgang mit Gefühlen bedeutet, sie regulieren zu können.
Selbstregulation, also die Regulation unserer Emotionen, ist jedoch eine Fähigkeit, die wir erst erlernen müssen.
Sie entsteht aus der Erfahrung, von jemand anderem verstanden und beruhigt zu werden.
Sie ist nicht angeboren, sondern kann sich im Laufe der Kindheit entwickeln, wenn unsere Eltern feinfühlig auf unsere Gefühle und Bedürfnisse eingehen.
Wenn unsere Eltern uns immer wieder beruhigen, lernen wir, diese Beruhigung zu verinnerlichen und werden schließlich in der Lage sein, uns selbst zu regulieren.
Je kleiner unsere Kinder sind, desto mehr brauchen sie unsere Unterstützung darin, ihre Emotionen zu regulieren, und ihnen dadurch einen gesunden Umgang mit ihren Gefühlen zu vermitteln.
Das heißt: erst die Erfahrung von Co-Regulation lässt uns die Fähigkeit zur Selbstregulation entwickeln.
Selbstregulation ist die Fähigkeit, auf den eigenen Zustand Einfluss zu nehmen, ohne Gefühle zu unterdrücken; sich dem eigenen Erleben zuzuwenden, statt davor zu fliehen oder darin zu versinken.
Verena König
Traumatherapeutin
Selbstregulation, also die Regulation der eigenen Emotionen, bedeutet folglich, seine Gefühle bewusst wahrzunehmen, sie zu akzeptieren, sie zu benennen und einzuordnen, damit sie verarbeitet werden können.
Selbstregulation bedeutet hingegen nicht, seine Gefühle zu kontrollieren, zu verdrängen oder zu vermeiden. Denn wenn wir schwierige Emotionen vermeiden, indem wir uns von ihnen ablenken, lernen wir nicht, mit ihnen umzugehen!
Manchmal glauben wir als Eltern, die beste Strategie sei, die Wut oder Unzufriedenheit unseres Kindes zu ignorieren, die Angst wegzuerklären und von der Traurigkeit abzulenken, damit es sich besser fühlt.
Wir vergessen dabei aber, dass unser Kind unweigerlich in seinem weiteren Leben immer wieder mit schwierigen Emotionen konfrontiert sein wird, denn diese sind Teil unseres menschlichen (Er-)lebens.
Und wir als Eltern haben die wunderbare Möglichkeit, unseren Kindern Strategien zu vermitteln, wie sie auf eine emotional intelligente Weise mit ihren Gefühlen umgehen können.
Wie das konkret aussehen kann, was die rechte und die linke Gehirnhälfte damit zu tun haben und wie du deine Wissen direkt im Familienalltag umsetzen kannst, erfährst du im nächsten Absatz.
Diese Frage hilft im Umgang mit den Gefühlen deines Kindes:
Mit welcher Gehirnhälfte reagierst du auf dein Kind?
Unser Gehirn ist in zwei Gehirnhälften aufgeteilt.
Die linke Gehirnhälfte ist auf Logik, Sprache und Linearität spezialisiert. Die rechte Gehirnhälfte hingegen auf Bilder, Emotionen und persönliche Erinnerungen.
Die linke Gehirnhälfte kommuniziert über Worte, Logik und Erklärungen. Die rechte Gehirnhälfte kommuniziert über Gestik, Mimik, über das Einstimmen und Einfühlen, über Trost und Beruhigung.
Grundlegend für die Fähigkeit, unsere Emotionen regulieren zu können, ist, dass beide Gehirnhälften gut zusammenarbeiten!
Denn eine gute Zusammenarbeit beider Gehirnhälften sorgt dafür, dass wir weder von unseren Gefühln überflutet werden, noch sie verdrängen.
Wir können als Eltern eine Zusammenarbeit dieser beiden Gehirnhälften wunderbar unterstützen, wenn wir wissen, auf welche unterschiedliche Art und Weise die beiden Gehirnhälften kommunizieren und unsere Kommunikation daran anpassen.
Im Gefühlssturm ist die rechte Gehirnhälfte aktiviert
Wenn unser Kind mitten in einem Gefühlssturm feststeckt ist bei ihm die rechte Gehirnhälfte aktiviert ist. Jetzt braucht es eine Kommunikation unsererseits, die genau diese rechte Gehirnhälfte erreichen kann.
Ich erinnere mich an einen Wutanfall meines damals noch 4-jährigen Sohnes.
Und das kam so: Als ich gerade beginnen wollte, das Abendbrot vorzubereiten, kam er fröhlich zu mir gelaufen und sagte, er möchte einen Ausflug zum See machen. Er wollte sofort losfahren! Nicht morgen, nicht am Wochenende. Sofort!
Es war beinahe dunkel und noch dazu Abendbrotzeit. Am nächsten Tag mussten wir früh aufstehen, um rechtzeitig im Kindergarten und in der Schule zu sein. Ein Ausflug war für mich absolut nicht mehr vorstellbar (sagte mir die Logik meiner linken Gehirnhälfte). Ich antwortete daher mit Nein.
Mein Sohn war furchtbar enttäuscht. Und wütend auf mich. Weil ich Nein gesagt hatte. Er lag auf dem Boden und brüllte.
Welche Hälfte des Gehirns meines Sohnes war in diesem Moment aktiviert?
Richtig: es war die rechte Gehirnhälfte.
Im ersten Moment reagierte ich auf ihn mit meiner linken Gehirnhälfte. Ich erklärte ihm die oben genannten Gründe, warum ein Ausflug zum See jetzt absolut nicht mehr möglich ist.
Erreichte diese Botschaft meinen Sohn? Natürlich nicht. Ich konnte über die Kommunikation mit meiner linken Gehirnhälfte keine Verbindung zu ihm herstellen.
Also besann ich mich darauf, mich auf ihn einzustimmen. Zu fühlen, was er fühlt. Und damit bewusst Zugang zu meiner rechten Gehirnhälfte herzustellen, um aus dieser heraus mit ihm zu kommunizieren, also empathisch und feinfühlig.
Und ich gab ihm Worte für seine Gefühle: Du bist richtig wütend und enttäuscht. Du hast dir den Ausflug so schön vorgestellt. Und Mama sagt einfach Nein.
Mein Sohn beruhigte sich langsam, denn er fühlte sich von mir ernst genommen und verstanden. Er bekam Worte für das, was er fühlte. Dies ermöglichte seinem Gehirn, eine Verbindung zur linken Gehirnhälfte, die für Logik und Sprache zuständig ist, herzustellen.
Wenn du mit deiner linken Gehirnhälfte reagierst, wirst du dein Kind nicht erreichen.
Befindet es sich in einem Gefühlssturm, ist seine rechte Gehirnhälfte aktiviert, und es ist gerade gar nicht in der Lage zu verstehen, dass es schon viel zu spät ist, dass es beinahe dunkel ist, und dass wir am nächsten Tag früh aufstehen müssen.
Reagierst du aber mit deiner rechten Gehirnhälfte, kannst du eine Verbindung zu deinem Kind herstellen, bestätigst seine Gefühle, und hilfst ihm, sie einzuordnen.
Der erste Schritt ist folglich, dass wir unseren Kindern helfen, sich „gefühlt zu fühlen“, bevor wir ein Problem lösen wollen oder die Situation logisch betrachten.
Wir müssen also erst auf die Bedürfnisse der rechten Gehirnhälfte eingehen, bevor wir die linke ansprechen können.
Diese emotionale Verbindung ist eine Art „Einstimmen“ auf das emotionale Erleben unseres Kindes, denn dadurch verbinden wir uns tief mit ihm, so dass es sich gefühlt fühlen kann. Wir verbinden uns also von rechter zu rechter Gehirnhälfte und verwenden dafür die Sprache dieser Gehirnhälfte:
- nonverbale Signale
- körperliche Berührung
- empathischer Gesichtsausdruck
- eine fürsorgliche Stimmlage
- und ein nicht-verurteilendes Zuhören.
Diese RechtszuRechts-Einstimmung, hilft dabei, die rechte und die linke Gehirnhälfte miteinander zu verbinden, so dass das Gehirn deines Kindes wieder in Balance gerät.
Im Anschluss daran kann die linke Gehirnhälfte angesprochen werden, zum Beispiel um eine Lösung zu finden.
Die sah bei meinem Sohn folgendermaßen aus: als er sich von mir verstanden fühlte, er sich langsam wieder beruhigte und wieder in der Lage war, über die Situation nachzudenken, machte er selber den Vorschlag, dann wenigstens noch kurz zusammen in den Garten zu gehen, und er lief fröhlich hinaus, um Gemüse für das Abendbrot zu ernten.
Das ist beim nächsten Gefühlssturm deines Kindes wichtig zu wissen und zu beachten:
- Nimm die Gefühle deines Kindes ernst und erkenne an, dass sie real und richtig für es sind, egal wie sinnlos, unlogisch und frustrierend sie sich für dich auch anfühlen mögen.
- Werde dir bewusst, mit welcher Gehirnhälfte dein Kind in diesem Moment verbunden ist und kommuniziere mit ihm aus der gleichen Gehirnhälfte heraus.
- Indem du versuchst, seine Gefühle in Worte zu fassen, baust du eine Brücke zwischen den beiden Gehirnhälften. Je öfter du deinem Kind dabei hilfst, desto stabiler wird diese Brücke im Laufe der Zeit werden.
- Im Anschluss kannst du dein Kind auch auf der logischen Ebene erreichen und ihr könnt gemeinsam eine Lösung für die Situation finden, die den Gefühlssturm ausgelöst hat.
Es mag sich zu Beginn vielleicht wie ein längerer Prozess anfühlen. Es kann länger dauern, als nur abzulenken, aber die investierte Zeit wird deinem Kind helfen, diese Fähigkeiten zu verinnerlichen!

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