Schuldgefühle als Eltern:
Warum sie dazugehören und wie du mit ihnen umgehen kannst.
Wir alle haben dieses Bild im Kopf, wie wir gerne als Mutter oder Vater wären. Wir sind informiert und wissen – theoretisch –, wie wir unser Kind begleiten möchten.
Und dann reagieren wir doch wieder so, wie wir es eigentlich gar nicht wollen.
Vielleicht, wenn wir nach einem langen Tag ungeduldig werden, obwohl wir unserem Kind gerne zuhören möchten.
Vielleicht, wenn unser Kind das Glas umstößt und wir schimpfen, anstatt freundlich und unterstützend zu reagieren.
Dann liegen wir nachts wach und fühlen uns wie die schlechteste Mutter oder der schlechteste Vater der Welt.
Schuldgefühle sind verdammt unangenehm. Gleichzeitig können uns unsere Schuldgefühle in unserem Elternsein unterstützen, denn wie alle Emotionen haben auch Schuldgefühle eine bestimmte Funktion. Welche das ist, wie du diese für dich nutzen kannst und wie du dich in schwierigen Momenten selbst liebevoll in den Arm nehmen kannst, erfährst du in diesem Blogartikel.
Warum wir als Eltern Schuldgefühle empfinden
Schuldgefühle gehören zu den grundlegendsten Emotionen des Menschen. Sie entstehen, wenn wir glauben, auf eine Art und Weise gehandelt zu haben, die nicht unseren Werten oder Vorstellungen entspricht. Ich würde behaupten, dass Schuldgefühle etwas sind, was alle Eltern kennen. Vielleicht kommen dir ja folgende Gedanken bekannt vor:
- „Hätte ich vielleicht geduldiger sein sollen?“
- „Ich hätte besser erklären müssen, warum es mir gerade zu viel war.“
- „Ich hätte mein Kind nicht anschreien dürfen.“
- „Ich bin eine schlechte Mutter, weil ich so laut geworden bin.“
- „Ich schaffe es einfach nicht, allen Bedürfnissen gerecht zu werden.“
Diese Gedanken spiegeln dein inneres Erleben wider. Sie zeigen, dass du gerne anders gehandelt hättest, es aber in dem Moment nicht geschafft hast. Du machst dir Vorwürfe, zweifelst an dir, hast vielleicht sogar Angst, deinem Kind zu schaden.
Schuldgefühle nagen an uns, sie können uns nächtelang wachhalten, sie fühlen sich einfach furchtbar unangenehm an und sind oft nur schwer auszuhalten.
Doch warum empfinden wir als Eltern überhaupt Schuldgefühle? Weil uns die Beziehung zu unseren Kindern so wichtig ist. Wir wollen für sie da sein, sie bestmöglich begleiten und ihren Bedürfnissen gerecht werden. Gleichzeitig kommen wir in keiner anderen Beziehung so sehr an unsere Grenzen. Der Alltag, Stress oder eigene unverarbeitete Themen können dazu führen, dass wir nicht so reagieren, wie wir es uns wünschen.

Vom Umgang mit Schuldgefühlen
Dass Schuldgefühle zum ElternSein dazugehören steht also außer Frage. Wichtig ist, dass wir bewusst entscheiden, wie wir mit ihnen umgehen wollen. Verdrängen wir sie oder lassen wir zu, dass sie uns überfluten und uns blockieren? Oder wenden wir uns ihnen zu? Lassen das Gefühl zu, geben ihm Raum und uns selbst liebevoll Halt?
Wenn du dich deinen Schuldgefühlen bewusst zuwendest, kannst du zum Beispiel entdecken, welches Bild du von dir als Mutter oder Vater hast und dem du entsprechen möchtest. Vielleicht versuchst du auch einem Bild der Gesellschaft zu entsprechen. Du wirst auch bemerken, dass du Werte hast, die du bewusst oder auch unbewusst gewählt hast und die ausdrücken, wie du deine Kinder ins Leben begleiten möchtest oder die du gegebenenfalls vielleicht so gar nicht mehr weiterleben möchtest.
Schuldgefühle können dich also dabei unterstützen, die Mutter oder der Vater zu werden, die oder der du wirklich sein möchtest. Sie können dich aber auch blockieren, wenn du beginnst, dich in Selbstverurteilung zu verlieren.
Die Funktion von Schuldgefühlen
Wie jede Emotion haben auch Schuldgefühle eine Funktion. Damit ist gemeint, dass sie uns etwas mitteilen und uns zu einer bestimmten Handlung anregen möchten. Schuldgefühle entstehen meist dann, wenn wir das Gefühl haben, gegen unsere eigenen Werte oder Vorstellungen verstoßen zu haben – sei es im Umgang mit anderen oder mit uns selbst.
In unserem ElternSein weisen Schuldgefühle oft darauf hin, dass uns die Beziehung zu unseren Kindern besonders wichtig ist. Sie zeigen, dass wir ein Idealbild davon haben, wie wir als Mutter oder Vater sein möchten, und dass uns unser Handeln in manchen Momenten nicht mit diesem Bild übereinstimmt.
Ihre Funktion besteht darin, uns anzuregen, unser Verhalten zu reflektieren und gegebenenfalls zu verändern. Sie können uns helfen, bewusst hinzuschauen:
- Welche Werte leiten mich als Mutter oder Vater?
- Was hat dazu geführt, dass ich anders reagiert habe, als ich wollte?
- Was kann ich tun, um beim nächsten Mal anders zu handeln?
Schuldgefühle sind somit ein Kompass, der uns aufzeigt, wo unsere Handlungen von unseren Überzeugungen abweichen. Gleichzeitig können sie uns helfen, unsere Werte und Verhaltensweisen zu hinterfragen und gegebenenfalls anzupassen – nicht aus Selbstverurteilung, sondern aus dem Wunsch heraus, uns und unseren Kindern gerecht zu werden.
Doch wie bei jeder Emotion kommt es darauf an, wie wir mit Schuldgefühlen umgehen. Sie können uns blockieren, wenn wir uns in Vorwürfen und Selbstzweifeln verlieren. Oder sie können uns stärken, wenn wir sie als Signal nutzen, um innezuhalten, hinzuschauen und liebevoll mit uns selbst zu sein.
Was tun, wenn Schuldgefühle übermächtig werden?
Wenn Schuldgefühle dich belasten und dich immer wieder in einen Kreislauf aus Selbstvorwürfen ziehen, magst du vielleicht einmal folgende Schritte gehen:
- Erkenne das Gefühl an: Der erste Schritt ist immer, das Gefühl zu akzeptieren. Es darf da sein. Schuldgefühle zu verdrängen oder sich selbst dafür zu verurteilen, sie überhaupt zu haben, verstärkt nur das Problem. Sage zu dir: „Ja, ich fühle mich gerade schuldig. Das Gefühl darf da sein.“
- Frag dich nach der Botschaft: Was möchte dir dieses Gefühl sagen? Welche Werte wurden verletzt? Was hättest du gerne anders gemacht? Diese Fragen helfen dir, Klarheit über die Situation zu gewinnen und zu überlegen, wie du gerne beim nächsten Mal handeln möchtest.
- Sei sanft mit dir selbst: Erlaube dir, Fehler zu machen. Und dann schau hin und nimm dich liebevoll selbst in den Arm. Sprich wertschätzend mit dir selbst. Du darfst dich in dein ElternSein hinein entwickeln und gemeinsam mit deinen Kindern wachsen.
- Mache dir deine Glaubenssätze bewusst: Manchmal können vielleicht Glaubenssätze auftauchen, wie „Nur wenn ich geduldig bin, bin ich eine liebevolle Mutter“ oder „Wenn ich Fehler mache, liebe ich mein Kind nicht genug“, die Schuldgefühle verstärken. Hier darfst du liebevoll hinterfragen, ob diese Sätze in dieser Form für dich noch eine Gültigkeit haben.
- Erkenne Meta-Schuldgefühle: Manchmal fühlen wir uns nicht nur schuldig, sondern machen uns zusätzlich Vorwürfe, dass wir überhaupt Schuldgefühle haben. Dieses „Meta-Schuldgefühl“ verstärkt den Druck und macht es schwieriger, konstruktiv mit den eigentlichen Schuldgefühlen umzugehen. Sei dir bewusst, dass Schuldgefühle eine natürliche Reaktion sind und dich nicht zu einer schlechten Mutter oder einem schlechten Vater machen. Du darfst sie fühlen, ohne dich dafür zu verurteilen.
Als Eltern Schuldgefühle anzuschauen erfordert Mut
Puh, oh ja, und wie! Schuldgefühle werden in unserer Gesellschaft, die auf Perfektion und Leistung ausgerichtet ist, oft als Schwäche angesehen. Wir wollen perfekt sein – und dann zu bemerken, dass wir es eben nicht sind und in manchen Momenten mit unseren Kindern absolut nicht so handeln, wie es unserem Bild einer guten Mutter oder eines guten Vaters entspricht, kann schmerzhaft sein. Zu bekennen, dass wir uns schuldig fühlen, erfordert großen Mut.
Wir werden dabei mit unserem eigenen Schmerz konfrontiert: dem Schmerz, nicht gut genug zu sein. Dem Schmerz, unsere Kinder, die wir doch so sehr lieben, trotz bester Absichten zu verletzen. Dem Schmerz, immer wieder Gefühle der Ohnmacht zu spüren, nicht mehr weiterzuwissen und dann vielleicht aus Hilflosigkeit zu schreien, wütend zu werden oder ruppig zu reagieren. Der Schmerz, die Beziehung zu deinem Kind verletzt zu haben.
Auch werden wir mit unseren eigenen Mustern konfrontiert, und dorthin zu schauen, erfordert ebenfalls Mut – und die Bereitschaft, daran zu arbeiten.
Hier dürfen wir lernen, voller Selbstmitgefühl mit uns selbst zu sein. Es ist okay, sich selbst Fehler zuzugestehen. Es ist okay, mit einem liebevollen Blick auf sich selbst zu schauen, statt sich für die eigenen Schwächen zu bestrafen.
Schuldgefühle als Eltern: Verantwortung und Wiedergutmachung
Die Übernahme von Verantwortung ist ein wichtiger Teil von Heilung und Veränderung. Doch wie kann das konkret aussehen?
Frag dich: Was kann ich aus diesem Moment lernen?
Ein Beispiel:Anstatt zu denken: „Ich bin eine schlechte Mutter, weil ich mein Kind angeschrien habe“, frage dich: „Was hat diesen Moment ausgelöst? Was könnte ich beim nächsten Mal anders machen? Was brauche ich, um diesen Impuls zu verstehen und einen neuen Weg einzuschlagen?“
Verantwortung übernehmen bedeutet nicht nur Fehler einzugestehen, sondern sich selbst zu erlauben, zu lernen und zu wachsen. Probiere das gerne einmal aus und du wirst spüren, wie befreiend das ist. Außerdem bringt es dich in deine Kraft zurück, da du die Verantwortung annimmst und aktiv die Schritte gehst, die es braucht, um einen bewussteren und friedvolleren Umgang mit dir selbst und deinem Kind zu gestalten..
Ein weiterer wichtiger Schritt ist die Wiedergutmachung:
Das kann zum Beispiel so aussehen, dass wir uns ehrlich bei unserem Kind entschuldigen: „Es tut mir leid, dass ich so laut geworden bin. Du hast nichts falsch gemacht, ich war einfach gestresst.“
Eine ehrliche Entschuldigung ist nur möglich, wenn wir vorher die volle Verantwortung für die Situation übernommen haben. Kinder spüren, wenn wir ehrlich Verantwortung übernehmen. Eine aufrichtige Entschuldigung – verbunden mit der Bereitschaft, etwas zu verändern – zeigt ihnen, dass wir den entstandenen Beziehungsbruch reparieren wollen. Dass sie und unsere Beziehung uns wichtig sind. Und dass wir sie und ihre Gefühle ernst nehmen.
Langfristig einen guten Umgang mit Schuldgefühlen finden
Schuldgefühle als Eltern sind völlig normal. Sie zeigen, dass dir die Verbindung zu deinem Kind wichtig ist und dass du dein ElternSein bewusst und deinen Werten entsprechend leben möchtest.
Schuldgefühle dürfen da sein – und sie können uns langfristig sogar dabei helfen, unsere eigenen Werte, ja unser ganzes ElternSein authentisch und selbst-bewusst zu leben. Je bewusster wir mit unseren Schuldgefühlen umgehen, desto mehr wird es uns gelingen, unser ElternSein so zu gestalten, wie es uns entspricht.
Wenn wir als Eltern die Verantwortung für unsere Schuldgefühle übernehmen, passiert etwas Magisches: Wir hören auf, uns nur schlecht zu fühlen, und fangen an, zu handeln.

Ein Kommentar